Hessische Landeszentrale für politische Bildung
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Greta Thunberg

Greta Thunberg ist derzeit eine wichtige Stimme der Klimabewegung. Jugendliche auf der ganzen Welt befassen sich derzeit intensiv mit Ihren Thesen und Forderungen. Der Direktor der Landeszentrale für politische Bildung Dr. Alexander Jehn gibt Antwort auf Fragen zu und über Greta Thunberg.

Greta Thunberg at the Parliament
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Wie erklären Sie sich die mediale Wirkung von Greta Thunberg?

Greta Thunberg ist eine Marke, ein Label, eine Art „Hannah Montana“ mit einfachem Schlüssel-Schloss-Prinzip zu einer ernstzunehmenden globalen Herausfor-derung: Wohlstand, Ernährung, Fortschritt und Bildung für immer mehr Menschen ohne Klimakatastrophe, Flüchtlingswellen und Armutswanderungen zu erreichen. Ich werde versuchen, mit Original-Zitaten von Greta Thunberg auf Ihre Fragen zu antworten.

 

Was sind denn die Antworten von Greta Thunberg?

Ihr geht es nicht um Antworten. Sie will schlicht ein Alarmzeichen setzen. Das ist eigentlich reiner Populismus, man könnte auch Panikmache dazu sagen. Sie würde entgegnen, der Zustand des Weltklimas rechtfertige diese Panikmache.

 

Schülerinnen und Schüler freuen sich über Greta Thunbergs „Fridays for Future“, Lehrkräfte und Kultusminister haben Sorgen:

Die Institution Schule und Schulwissen sind für Thunberg eher hinderlich für die Rettung der Zukunft. Neu ist das nicht. Das haben schon Generationen von Schülerinnen und Schülern ebenso gesehen, die den Satz kannten „In der Schule lerne ich unbrauchbares Zeug für Zeugnisse, aber nichts fürs eigentliche Leben!“:

„Manche sagen, wir sollten stattdessen lieber in die Schule gehen. Aber warum sollen wir für eine Zukunft lernen, die es schon bald nicht mehr geben wird, wenn niemand irgendetwas unternimmt, um diese Zukunft zu retten? Und welchen Sinn hat es, in der Schule Fakten zu lernen, wenn die wichtigsten Fakten, belegt durch die modernste Forschung ebendieses Bildungssystems, unseren Politikern und unserer Gesellschaft nichts bedeuten?" (Greta Thunberg, Rede in Brüssel am 6.10.2018)

 

Wie demokratisch ist Greta Thunberg? Sie lässt sich parteipolitisch offenbar schwer vereinnahmen:

Richtig. Die Politikkaste, also ohne Ausnahme alle Parteien, hat sich nach ihrer Ansicht von der wissenschaftlichen Erkenntnis gelöst. Fortschritt in der Zukunftsrettung könne es nur geben, wenn die „modernste Forschung“ Bedeutung für die gesellschaftliche Entwicklung besitze:

„Wenn die Menschen wüssten, dass die Wissenschaftler sagen, dass wir gegenwärtig nicht einmal mehr eine fünfprozentige Chance haben, das Pariser Klimaziel zu erreichen, und wenn die Menschen wüssten, welches alptraumhafte Szenario uns bevorsteht, wenn wir die Erderwärmung nicht unter zwei Grad Celsius halten, dann bräuchten sie mich nicht zu fragen, warum ich vor dem Schwedischen Parlament einen Schulstreik durchführe.“

(Greta Thunberg, Rede in Brüssel am 06.10.2018)

 

Ist Thunberg „rechts“ oder „links“ oder beides oder einfach nur radikal?

Da klemmt jede Schublade. Allerdings kommt bei ihr eine Art Simpel-Marxismus durch. Den wird sie vielleicht gar nicht gelesen haben, dennoch erhält der alte Umverteilungstraum bei ihr mit dem Klima ein neues Bühnenbild:

„Wir sind dabei, unsere Zivilisation zu opfern, damit einige wenige die Möglichkeit haben, weiter enorme Mengen Geld zu verdienen. Wir sind dabei, die Biossphäre zu opfern, damit reiche Leute in Ländern wie meinem in Luxus leben können. Aber für den Luxus der wenigen bezahlen viele mit ihrem Leid.“

(Greta Thunberg, Rede bei der 24. UN-Klimakonferenz in Kattowitz im Dezember 2018)

 

Heutzutage wird die Gesellschaft häufig als bunt, plural, vielschichtig, komplex oder kompliziert beschrieben. Geht Greta Thunberg auf dieses Bild ein?

Ihre einfache Alarmbotschaft funktioniert nur mit einem einfachen Resonanzkörper. Retten oder versagen – Klima oder Katastrophe:

„Und entweder tun wir das oder nicht.

Ihr sagt nichts im Leben ist schwarz oder weiß.

Aber das ist eine Lüge. Eine sehr gefährliche Lüge. […] Entweder wir entscheiden uns, als Zivilisation weiter zu existieren, oder wir tun es nicht. Das ist so schwarz und weiß, wie es nur geht. Es gibt keine Grauzonen, wenn es ums Überleben geht.“

(Greta Thunberg, Rede beim Weltwirtschafts-forum in Davos am 25.01.2019)

 

Nochmal auf den Punkt gebracht: Es geht Greta Thunberg also nicht um Demokratie, um Kompromisse, um Pluralismus und Parteienwettbewerb?

Sie sieht sich nicht als Politikerin. Auch die freiheitlich-demokratische Grundordnung ist ihr keine gedankliche Leitplanke. Die Wissenschaft ersetzt für sie die Politiker und die Politik. Nur die Wissenschaft ist rein und ehrlich:

„Wir wissen, dass die meisten Politiker nicht mit uns sprechen wollen. Gut, wir wollen auch nicht mit ihnen sprechen, Wir wollen lieber mit den Wissenschaftlern reden, auf sie hören.“

 

Also ist ihre Botschaft „Zurück in die Klassenzimmer!“ und die Politische Bildung muss sie nicht weiter ernst nehmen?

Oje, bitte nicht den Kopf in den Sand stecken. Vielleicht ist unsere ausdifferenzierte freiheitlich-demokratische Grundordnung auch nur zu institutionalisiert und überreglementiert, für politisch interessierte Jugendliche nicht mehr zu verstehen. Es kann ja die Wahrnehmung entstanden sein, dass es vor lauter Freiraum, vor unzähligen Ausbildungs- und Studienmöglichkeiten keine Entwicklungs-perspektiven mehr gebe. Thunberg steht zu allererst für die Faszination der Einfachheit, für die Bedingungslosigkeit des Machens und des vermeintlichen Versagens des Bedenkens. Hierüber sollten wir reden.