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Ehemaliges jüdisches Lehrerhaus – JudaicaMuseum Schenklengsfeld

JudaicaMuseum SchenklengsfeldEhemaliges Jüdisches Lehrerhaus Schenklengsfeld

Seit dem 15. Jahrhundert sind jüdische Familien in Schenklengsfeld nachweisbar. Doch erst durch die Emanzipationsbewegung im 19. Jahrhundert konnte sich eine größere jüdische Gemeinde entwickeln, die von 1860 bis 1933 im Durchschnitt 160 Mitglieder zählte. Diese Gemeinde besaß ab 1850 ihre eigene staatliche Volksschule, in der ein jüdischer Lehrer unterrichtete, der auch als Vorbeter und Kantor den Gottesdienst in der Synagoge anleitete und für die alltäglichen Fragen der Religionsausübung zuständig war. Seit 1870 verfügte die Gemeinde über einen eigenen Friedhof und baute am Ort der alten eine neue größere Synagoge.

Ein neues Wohnhaus für die Lehrerfamilie baute die jüdische Gemeinde in 1912/13 an der Gemarkungsgrenze zu Oberlengsfeld. Hier zog Lehrer Jakob Grünewald mit seiner vielköpfigen Familie ein. Nach über 30-jähriger Tätigkeit als Lehrer in Schenklengsfeld wurde Jakob Grünewald 1932 pensioniert. Im August des gleichen Jahres kam Lehrer Joseph Eschwege mit Frau und fünf Kindern von Halberstadt nach Schenklengsfeld, doch schon im Mai 1933 wurde die jüdische Schule geschlossen und Lehrer Eschwege mit 48 Jahren in den „vorläufigen Ruhestand“ versetzt. Nachdem Familie Eschwege 1936 nach Frankfurt gezogen war, wohnte die Lehrerfamilie Manfred Levisohn für zwei Jahre im Haus, bevor es 1939 in das Eigentum der politischen Gemeinde überging, die bis zum Kriegsende ihre Verwaltung hier unterbrachte.

In den Jahren nach 1945 bewohnten mehrere heimatvertriebene Familien das Haus, bis es 1951 mit dem gesamten Grundstück an die katholische Kirchengemeinde verkauft wurde, die 1957 im Garten vor dem Haus eine kleine Kirche errichtete. Das ehemalige jüdische Lehrerhaus diente nun bis zur Pensionierung von Pfarrer Pohl im Jahr 1972 als Pfarrhaus, stand anschließend leer und verfiel zusehends.

ExponateBlick in die Ausstelung

Seit 1992 gab es ernsthafte Bemühungen einer Bürgerinitiative, die sich bereits mit der jüdischen Vergangenheit des Ortes beschäftigt hatte, das nun unter Denkmalschutz gestellte Lehrerhaus aus zeit- und religionsgeschichtlichen Gründen zu erhalten. Schließlich gelang es dem aus der Bürgerinitiative hervorgegangenen und 1994 gegründeten Förderkreis Jüdisches Lehrerhaus Schenklengsfeld e.V., ein Nutzungskonzept zu erarbeiten und die Bausanierung finanziell abzusichern. Die Bauarbeiten begannen im Herbst 1996 und schon Anfang 1998 konnten zwei Familien in den oberen Stockwerken ihre Wohnungen beziehen. Die Räume in Erdgeschoss wurden anschließend zu einer Begegnungsstätte für Geschichte und Kultur (mit Tagungsraum, Bibliothek, Museum) ausgebaut und dienen dem Förderkreis für seine verschiedenen Veranstaltungen.

Zur Erinnerung und zum Gedenken an die jüdischen Familien in Schenklengsfeld und zum Verständnis ihrer Geschichte und Religion wurde ein kleines Museum eingerichtet. Dieses JudaicaMuseum zeigt in den ersten Glasvitrinen Kultgegenstände zur jüdischen Religionsausübung im Alltag, z.B. Mesusa, Kippa, Teffilin, Tallit, Sabbatgeräte. Dann folgen die für die jüdischen Feiertage erforderlichen Gegenstände wie Chanukka-Leuchter, Schofar, Estherrolle, Sederteller und andere. Eine besondere Vitrine ist den Familien der ehemaligen jüdischen Gemeinde gewidmet. Hier sind Familienfotos, Reisepässe, und sonstige Dokumente zu sehen, die an die Dorfnachbarn jüdischen Glaubens erinnern, deren Vorfahren seit vielen Generationen im Ort gelebt haben und auch hier begraben wurden.

TagungsraumTagungsraum

Ein besonderes Kapitel stellt die Zeit der Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung von 1933 bis 1945 dar. Zeugnisse der damals offiziellen und öffentlich sichtbaren Politik der Diskriminierung, Ausgrenzung und Vertreibung sowie ihre praktische Umsetzung im Ort und in der Region sind ausgestellt. Lebens- und Leidenswege einzelner Familien konnten ermittelt werden, sie sind durch zahlreiche Exponate und Dokumente belegt, die dem Förderkreis für das JudaicaMuseum überlassen wurden.

Ein Besuch im ehemaligen jüdischen Lehrerhaus (JudaicaMuseum) vermittelt einen guten Einblick in die Entwicklungsgeschichte sowie in Religion und Lebensbedingungen einer jüdischen Landgemeinde in Osthessen. Dies gilt vor allem für angemeldete Schulklassen und Besuchergruppen, mit denen bestimmte Themengebiete vorher vereinbart worden sind. Zudem empfiehlt sich noch zusätzlich ein Ortsrundgang zur jüdischen Geschichte des Dorfes mit Besuch des sehenswerten jüdischen Friedhofs.

Publikationen

Christlich-Jüdischer Arbeitskreis Schenklengsfeld (Hrsg.), Karl Honikel, Waldemar Zillinger u. a.: Geschichte der Jüdischen Gemeinde Schenklengsfeld. Schenklengsfeld 1988 (282 Seiten, zahlreiche Abbildungen).

Honikel, Karl: Die Moses-Beile-Weinberg-Stiftung (zu Schenklengsfeld), in: Mein Heimatland (Beilage der Hersfelder Zeitung). Juni 1984.

Honikel, Karl: Vor 60 Jahren: Deportation der Schenklengsfelder Familie Sally Löwenberg nach Riga, in: Mein Heimatland (Beilage der Hersfelder Zeitung). Januar 2002.

Informationen

Standort

Ehemaliges Jüdisches Lehrerhaus
JudaicaMuseum
Landecker Straße 37
36277 Schenklengsfeld

Träger

Förderkreis Jüdisches Lehrerhaus Schenklengsfeld e.V.
Landecker Straße 37
36277 Schenklengsfeld
Internet: www.judaica-schenklengsfeld.de

Ansprechpartner

Karl Honikel (1. Vorsitzender)
Kleiststraße 19
36277 Schenklengsfeld

Telefon: +49 (0) 6629 77 36
Fax: +49 (0) 6629 80 90 43
E-Mail: karl.honikel@web.de

Öffnungszeiten

Nach Vereinbarung, Eintritt frei.

Zuständiges Referat

Dieses Thema wird von Referat 2/III bearbeitet.