Hessische Landeszentrale für politische Bildung
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Neu-Isenburg

Seminar- und Gedenkstätte Bertha Pappenheim, Neu-Isenburg

Das Heim für sozial entwurzelte jüdische Mädchen
und ledige Mütter mit ihren Kindern

Am 25. November 1907 eröffnete der Jüdische Frauenbund in Neu-Isenburg ein Heim für sozial entwurzelte jüdische Mädchen und ledige Mütter mit ihren Kindern. Initiatorin der Einrichtung und Leiterin des Heims war die Frauenrechtlerin, Sozialpolitikerin und Sozialarbeiterin Bertha Pappenheim, eine der wichtigsten Persönlichkeiten der deutschen jüdischen Frauenbewegung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Bertha Pappenheim wurde am 27. Februar 1859 in Wien geboren. Als junge Frau litt sie an einer psychischen Erkrankung, die Josef Breuer durch Gesprächstherapie und Hypnose behandelte. Zusammen mit seinem jüngeren Kollegen Sigmund Freud beschrieb Breuer den Krankheitsfall 1895 als den Fall "Frl. Anna O.". Dieser legte den Grundstein für die Entwicklung der psychoanalytischen Behandlungsmethode.

1888 zog Bertha Pappenheim nach Frankfurt. Hier engagierte sie sich in der öffentlichen Wohlfahrtspflege und in Fürsorgeeinrichtungen der Jüdischen Gemeinde. Sie leitete u. a. ein Mädchenwaisenhaus, wirkte bei der Einrichtung des Wohnungs-, Arbeits- und Jugendamtes und an Reformen im Jugendstrafrecht und im Vormundschaftsrecht mit. Ein wichtiges Anliegen war Bertha Pappenheim die Bekämpfung des Menschenhandels mit jüdischen Mädchen aus Osteuropa sowie die Hilfe für die eingeschleusten, in der Prostitution gestrandeten Frauen. Instrument ihres Kampfes wurde der 1904 als Dachorganisation der deutschen jüdischen Frauenvereine gegründete Jüdische Frauenbund. Er richtete in vielen deutschen Städten für Frauen Anlauf- und Rechtsberatungsstellen, Wohnheime und Ausbildungsstätten ein. In Neu-Isenburg bot er Mädchen, jungen Frauen und ihren Kindern Schutz, ein Zuhause und eine Ausbildung. Ziel der Betreuung war es, die Frauen in die Lage zu versetzen, ein selbstständiges und eigenverantwortliches Leben zu führen.

Das Heim in Neu-Isenburg entwickelte sich bis 1928 zu einem Komplex aus 4 Häusern, in dem zeitweise mehr als 100 Personen lebten. Während des Novemberpogroms 1938 brannten Bürger Neu-Isenburgs das Haupthaus nieder. Entrechtet und ausgegrenzt lebten die Frauen und Kinder danach in materieller Not und in ständiger Angst vor Übergriffen, bis das Heim schließlich am 31. März 1942 zwangsweise aufgelöst wurde. Die Bewohnerinnen wurden zusammen mit den letzten jüdischen Einwohnern Neu-Isenburgs deportiert und ermordet.

Bertha Pappenheim starb am 28. Mai 1936, sie musste die Zerstörung ihres Lebenswerks nicht mehr miterleben. Bis zu ihrem Tod hatten über 1000 Frauen und Kinder in der Neu-Isenburger Einrichtung gelebt, davon waren 252 als Schwangere oder Mütter dorthin gekommen, 374 als Säuglinge und Kleinkinder, 399 als weibliche Jugendliche.

1996 eröffnete die Stadt Neu-Isenburg im ehemaligen Heim des Jüdischen Frauenbundes eine Gedenkstätte, die an das Leben und Werk Bertha Pappenheims erinnert. Die Gedenkstättenarbeit wird von der Bertha-Pappenheim-Initiative unterstützt, in der sich Vertreter der Stadt und der örtlichen Parteien, Kirchengemeinden, Vereine und interessierte Bürger zusammengeschlossen haben. Eine Dauerausstellung und eine kleine Präsenzbibliothek informieren über die jüdische Frauenrechtlerin, den Jüdischen Frauenbund und die Geschichte des Neu-Isenburger Heims. Mittwochs nachmittags ist die Einrichtung von 15 bis 18 Uhr geöffnet, außerdem können Besuche und Führungen für Gruppen über die Stadtverwaltung vereinbart werden. Die Gedenkstätte bietet darüber hinaus regelmäßig Vorträge und Gespräche zu kulturellen und gesellschaftspolitischen Themen an. Das Veranstaltungsprogramm kann bei der Stadtverwaltung angefordert oder auf der Homepage (www.neu-isenburg.de) abgerufen werden.

Publikationen

Brentzel, Marianne: Anna O. - Bertha Pappenheim. Biographie. Göttingen 2002.

Edinger, Dora: Bertha Pappenheim - Leben und Schriften. Frankfurt 1963.

Gedenkbuch für das Heim des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg (1907-1942). Nur online unter: www.gedenkbuch.neu-isenburg.de

Heubach, Helga: Das Heim des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg, 1907 bis 1942. Neu-Isenburg 1986.

Heubach, Helga (Hrsg.): Bertha Pappenheim u.a., "Das unsichtbare Isenburg". Über das Heim des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg 1907 bis 1942. Neu-Isenburg 1994.

Jensen, Ellen: Streifzüge durch das Leben von Anna O./Bertha Pappenheim. Dreieich 1984.

Kaplan, Marion: Die jüdische Frauenbewegung in Deutschland. Organisation und Ziele des Jüdischen Frauenbundes 1904 - 1938. Hamburg 1981.

Konz, Britta: Bertha Pappenheim (1859 - 1936). Ein Leben für jüdische Tradition und weibliche Emanzipation. Frankfurt am Main / New York 2005.

Pappenheim, Bertha (Hrsg.): Die Memoiren der Glückel von Hameln. Wien 1910, Neudruck Weinheim 1994.

Sisyphus – Gegen den Mädchenhandel – Galizien. Auswahl von Reden, Aufsätzen Schriften zur Bekämpfung des Mädchenhandels, hrsg. von Helga Heubach. Freiburg 1992.

Informationen

Anschrift

Seminar- und Gedenkstätte Bertha Pappenheim
Zeppelinstraße 10
63263 Neu-Isenburg
Telefon +49 (0) 61 02 80 00 94 (mittwochs nachmittags)

Kontaktperson bei der Stadt Neu-Isenburg

Frau Imke Voth
Telefon: +49 (0) 61 02 2 41-703
E-Mail: imke.voth@stadt-neu-isenburg.de

Träger

Stadt Neu-Isenburg

Öffnungszeiten

Mittwoch 15.00 – 18.00 Uhr und nach Vereinbarung

Zuständiges Referat

Dieses Thema wird von Referat 2/III bearbeitet.