Hessische Landeszentrale für politische Bildung
HLZ – Politische Bildung in und für Hessen
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Literatur und Politik:
Georg August Zinn & Philipp Scheidemann

Wiesbaden, 8. Juni 2017 – Prof. Dr. Walter Mühlhausen, Geschäftsführer der Stiftung Reichspräsident Friedrich-Ebert-Gedenkstätte in Heidelberg, warf an diesem Abend in der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung im Rahmen der Veranstaltungsreihe Literatur und Politik einen Blick auf zwei Wegbereiter der deutschen Demokratie: Philipp Scheidemann und Georg August Zinn. Moderiert wurde das Gespräch von Hans Sarkowicz, Leiter des Ressort Kultur, Bildung und künstlerisches Wort beim Hessischen Rundfunk (hr2).

Hans Sarkowicz und Prof. Dr. Walter Mühlhausen im Gespräch

Zu Beginn des Gesprächs kam Hans Sarkowicz auf die Ausrufung der Republik am 9. November 1918 durch Philipp Scheidemann zu sprechen und die damit verbundene Tonbandaufzeichnung sowie das Foto mit Scheidemann auf dem Balkon. Prof. Mühlhausen stellte dazu klar, dass beides keine Originale seien und somit in vielen Geschichts- und Schulbüchern mit falschen Dokumenten gearbeitet wird. Die Tonbandaufzeichnung mit der Stimme Scheidemanns entstand erst später im Aufnahmeraum der Lautabteilung an der Preußischen Staatsbibliothek. Das Bild mit Scheidemann auf dem Balkon wurde im Mai 1919 in der Reichskanzlei aufgenommen.

Philipp Scheidemann, der am 26. Juli 1865 in Kassel geboren wurde, als Sohn des Tapezierers und Polsterers Friedrich Scheidemann, musste nach dem frühen Tod des Vaters die höhere Schullaufbahn abbrechen und sich um den Lebensunterhalt der Familie kümmern, wie Prof. Mühlhausen erläuterte. Als gelernter Schriftsetzer trat er bereits 1883 der SPD bei, die in der Zeit der Sozialistengesetze 1878 bis 1890 schwer unter Druck stand. 1903 errang er das Reichstagsmandat für den Stadt- und Landkreis Solingen. 1912 wurde er zum 1. Vizepräsidenten des Reichstages gewählt. Allerdings blieb er das nur für kurze Zeit, da er den üblichen Antrittsbesuch beim Kaiser verweigerte. Scheidemann trat im Reichstag als scharfzüngiger Redner auf, „der kein Blatt vor den Mund nahm“ und mit Witz und Ironie zu begeistern vermochte, wie Prof. Mühlhausen weiter ausführte. Dank seiner rhetorischen Begabung verschaffte er sich nicht nur innerhalb der SPD Respekt, sondern erwarb sich auch über die Partei und auch das Reich hinaus einen Ruf.


Auf die Frage von Hans Sarkowicz wie Scheidemann sich denn zum Kriegseintritt 1914 und später zu den Friedensbemühungen stellte, erklärte Prof. Mühlhausen, dass Scheidemann sich mit der Mehrheit der SPD für den Krieg aussprach. Die Nation sollte aus seiner Sicht, ganz in der Tradition von August Bebel, erhalten bleiben. Ab 1916/17 forderte er im Hinblick auf spätere Friedensverhandlungen den Status Quo wie vor 1914.
Im Oktober 1918 wurde er erster sozialdemokratischer Minister in der deutschen Geschichte unter Reichskanzler Prinz Max von Baden. Als Mitglied des Rats der Volksbeauftragten verabschiedete er eine Verordnung mit Grundrechten (Magna Carta der Revolution) wie Vereins- und Versammlungsfreiheit, Meinungs- und Religionsfreiheit sowie den Achtstundentag und das Frauenwahlrecht und bereitete die ersten Parlamentswahlen am 19. Januar 1919 zur Nationalversammlung mit vor. Scheidemann wurde durch den Sieg der SPD bei diesen Wahlen am 13. Februar 1919 zum Reichskanzler (Reichsministerpräsident) ernannt. Zwei Tage vorher war Friedrich Ebert zum Reichspräsidenten gewählt worden. Diesen Posten hätte Scheidemann selbst gerne eingenommen, denn er hielt sich dafür geeigneter als Ebert wie Prof. Mühlhausen dazu weiter ausführte. Das Amt des Reichsministerpräsidenten übte er allerdings nur 4 Monate aus, da er den Versailler Vertrag nicht unterschreiben wollte und trat im Mai 1919 von seinem Amt zurück.


Scheidemann kritisierte in der Folge die SPD geführte Reichsregierung für die aus seiner Sicht zu nachsichtige Haltung gegenüber den Republikgegnern. Er sah hier schon früh die Gefahr, dass „der Feind rechts stehe“. Scheidemann selbst wurde 1922 von zwei Mitgliedern einer rechtsradikalen Organisation mit Blausäure attackiert, konnte selbst aber Schlimmeres verhindern. Da war er schon Oberbürgermeister von Kassel (seit 1920) und übte dieses Amt bis 1925 aus. Danach war er im Berliner Reichstag für den Wahlkreis  Hessen-Nassau als Abgeordneter präsent und glänzte immer wieder mit Reden und seinen Warnungen vor den Nationalsozialisten. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten musste Scheidemann fliehen zusammen mit seiner Tochter Luise erst nach Prag, 1934 dann weiter nach Kopenhagen. 1939 starb er ausgebürgert, heimatlos und besitzlos in der dänischen Hauptstadt.


Der zweite Wegbereiter der deutschen Demokratie, Georg August Zinn, hatte als Auszubildender im Rathaus in Kassel, Philipp Scheidemann kennengelernt. Ähnlich wie bei Scheidemann musste Zinn schon früh für den Lebensunterhalt der Familie sorgen und konnte sein geplantes Studium zunächst nicht angehen (das Jurastudium holte er später nach). Zinn trat 1919 in die SPD ein und war von 1929 bis 1933 Stadtverordneter in Kassel. 1933 wurde er vorübergehend in Schutzhaft genommen. Im Zweiten Weltkrieg kam er an die Front, geriet in amerikanische Kriegsgefangenschaft, aus der er aber bereits Mitte Juni 1945 wieder entlassen wurde.


Zurück in Kassel wollte er am Neuaufbau der Demokratie mitwirken, wie Prof. Mühlhausen betonte. Schon im Oktober 1945 wurde er von der amerikanischen Militärregierung zum Justizminister des Landes Groß-Hessen (ab Dezember 1946 Hessen) berufen. Auch in der Nachfolgeregierung unter Christian Stock und von 1951 bis 1963 (in Personalunion mit dem Amt des Ministerpräsidenten) bekleidete er diesen Posten weiter. Zinn war auch beim Entwurf der hessischen Verfassung 1948 und im Parlamentarischen Rat bei der Ausarbeitung des Grundgesetzes maßgeblich beteiligt.
Bei den Landtagswahlen 1950 konnte die SPD eine Parlamentsmehrheit erringen. Christian Stock war wieder als Ministerpräsident vorgesehen, doch in einer innerparteilichen Sitzung wurde Georg August Zinn zum Ministerpräsidenten von der Partei nominiert und nicht Stock. Das „kam einem Erdbeben der Kategorie 6 gleich“, so Prof. Mühlhausen dazu. Zinn galt damals in der Partei als junger Modernisierer und stand für eine neue SPD, mit guten Kontakten zu Kurt Schumacher und Erich Ollenhauer. Stock stand für die alte, in der Weimarer Republik gescheiterte SPD. Zinn war unverbraucht und die SPD wollte sich mit ihm neu positionieren und eine größere Distanz zu Adenauer und der CDU aufbauen.

Blick auf Autor und Moderator


Auf die Frage von Hans Sarkowicz, mit welchen Problemen und Aufgabenstellungen er bei seinem Amtsantritt zu tun hatte, führte Prof. Mühlhausen mehrere Punkte auf: Die Integration von 1 Mio. Flüchtlingen, der Aufbau der Infrastruktur, die Schaffung von Wohnraum etc., vor allem Nachfolgeprobleme der Kriegszeit.  Zinn verfolgte eine Politik der sanften Ordnung und Planung und ließ der Industrie viele Freiräume. Die Sozialisierung in der Verfassung „ließ er quasi auslaufen auf dem Gesetzesweg“, wie Prof. Mühlhausen erklärte.
Bei der Flüchtlingsthematik arbeitete er jahrelang eng mit dem Gesamtdeutschen Block und dem Bund der Heimatvertriebenen (GB/BHE) zusammen und konnte so die Integration der Flüchtlinge schneller vorantreiben.
In seine fast 20jährige Amtszeit als Ministerpräsident fällt auch der Slogan „Hessen vorn“ im Wahljahr 1962. Damit nahm er den ländlichen Raum in Hessen in den Fokus mit dem Ziel, die Lebensqualität zu steigern und die Abwanderung in die Städte zu bremsen. Dorfgemeinschaftshäuser wurden errichtet, Sport- und Freizeitplätze entstanden, die Schulversorgung wurde ausgebaut, um eine Chancengleichheit herzustellen und dem Land einen Modernisierungsschub zu geben.


1963 bis 1965 unterstützte er den von ihm berufenen Fritz Bauer bei der Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen im Auschwitzprozess.
Auf Bundesebene kam es 1960/61 zum Streit mit Adenauer über das sogenannte Adenauer-Fernsehen. Zinn und Adolf Arndt konnten als Rechtsvertreter der Länder das von Adenauer gewollte Staatsfernsehen mit dem Fernsehurteil vom 28. Februar 1961 verhindern. Diese wohl bitterste Niederlage Adenauers im Kampf mit den Ländern war wahrscheinlich auch der Grund, wie Prof. Mühlhausen vermutete, dass Adenauer in seinen mehrbändigen Memoiren Zinn mit keinem Wort erwähnt.
Mit dem 1961 ins Leben gerufenen Hessentag (der erste fand in Alsfeld statt) sah er eine Möglichkeit, Hessische Traditionen zu pflegen, als „innerer Leim“ für die Hessische Identität, was bis auf den heutigen Tag Bestand hat.
In der Bevölkerung war Zinn sehr beliebt und populär, wie Prof. Mühlhausen hervorhob, ging auf die Bürger, Landwirte oder Arbeiter zu und suchte die Nähe zu den Hessen.
1969 trat er aus gesundheitlichen Gründen vom Amt zurück, vielleicht auch der passende Zeitpunkt, wie Prof. Mühlhausen ergänzte, da er in den Jahren zuvor an Ansehen verloren hatte.

Nach Fragen aus dem Publikum kamen Hans Sarkowicz und Prof. Mühlhausen nochmals auf die Nachlässe der beiden Persönlichkeiten zu sprechen. Prof. Mühlhausen verwies bei Scheidemann darauf, dass seine Tagebücher und privaten Aufzeichnungen vermutlich nach Russland gelangt seien, aber Genaues wisse man nicht. Bei Georg August Zinn sei es so, dass der Nachlass von seinen Söhnen nicht freigegeben werde und damit erst 70 Jahre nach dem Tod von Zinn mit einer Veröffentlichung zu rechnen sei.

In der Reihe Blickpunkt Hessen sind von Prof. Dr. Walter Mühlhausen die Ausgaben „Georg August Zinn – Baumeister des modernen Hessen“ (Nr. 21/2016) und „Philipp Scheidemann 1865-1939“ (Nr. 22/2016) erschienen. Die Ausgabe über Georg August Zinn und die Ausgabe über Philipp Scheidemann können direkt bei der HLZ bestellt werden.