Hessische Landeszentrale für politische Bildung
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Themenwoche: Nachhaltige Entwicklung – Vom Wissen zum Handeln

Jürgen Kerwer begrüßt das Publikum zur Themenwoche

Im Rahmen der Reihe „Literatur und Politik“ lud die Hessische Landeszentrale für politische Bildung vom 19. bis 22. Juni 2017 in Wiesbaden zu einer Themenwoche unter der Überschrift „Nachhaltige Entwicklung – Vom Wissen zum Handeln“ ein.

An den vier Tagen sprachen renommierte Wissenschaftler und Experten über Nachhaltigkeit als gelebte Praxis, wie wir den Alltag als Ökoroutine angehen können, wie sich eine „Welt des Weniger“ organisieren lässt und welche zentrale Rolle die Bildung bei der Lösung unserer aktuellen Probleme spielt.

Moderiert wurden die Gespräche von Manfred Ladwig, Fernsehredakteur in der Umweltredaktion des SWR, der sich als Biologe auf die Themenbereiche, Globalisierung, Ressourcen und Gentechnik spezialisiert hat.

Begleitend zur Themenwoche ist in der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung die Wanderausstellung „Klimaflucht“ noch bis zum 31. Juli zu sehen, die anhand von lebensgroßen Porträts aufzeigt, welche Auswirkungen die globale Erderwärmung auf Menschen in der Welt hat.

Dana Giesecke: Nachhaltigkeit als gelebte Praxis: Wir fangen schon mal an!

Dana Giesecke im Gespräch mit Manfred Ladwig

Der erste Beitrag zu Beginn der Nachhaltigkeitswoche am 19. Juni kam von der Soziologin und Autorin Dana Giesecke, die seit 2011 wissenschaftliche Leiterin von „FUTURZWEI. Stiftung Zukunftsfähigkeit“ ist.

Im Mittelpunkt des Gesprächs stand der „FUTURZWEI Zukunftsalmanach 2017/18“ mit dem Schwerpunkt Stadt, der in über 50 Geschichten von gelebten Gegenentwürfen zur Leitkultur des Wachstums und der Verschwendung erzählt. Die Geschichten vom guten Umgang mit der Welt in dem Almanach sollen zeigen, wie man „auch anders leben, anders wirtschaften, sich anders bewegen und reisen kann“, so Dana Giesecke.

Die Beispiele, die in dem von ihr, Saskia Hebert und Harald Welzer herausgegebenen Band, sollen „Vorbild sein und anregen, sich selbst zu ändern, nachzueifern oder zu unterstützen“.

Die Autorin berichtete zu Beginn von einem Selbstversuch und verzichtete 1 Jahr lang auf viele Konsumdinge, z.B. neue Kleider oder neue Gebrauchsgegenstände, was „einem zu Beginn schwer falle“, wie Dana Giesecke anmerkte. Doch im Laufe des Jahres änderte sich die Einstellung und sie machte sich „mehr Gedanken über das, was man bereits hat“ (im Kleiderschrank beispielsweise) und dieses wieder mehr schätzen lernt.

Als ein Beispiel aus dem Band führte die Soziologin den „Verein für verkehrspolitische Bewusstseinsbildung – fairkehr“ aus Österreich an. Dieser Verein veranstaltet seit der Gründung 2007 „fairkehrte Feste“, in dem Fahrbahnen in der Stadt zu Lebensräumen verwandelt werden. Rasen wird auf der Fahrbahn ausgerollt, Sitzbänke aufgestellt, Musik wird angestimmt und so ein Bewusstsein geschaffen, dass es ohne den Autoverkehr in der Stadt deutlich lebenswerter wäre.

Die Soziologin berichtete weiter von Aktivitäten von Städten, die sich gegen die Luft- und Lichtverschmutzung richten, wie beispielsweise in Sao Paulo, wo Leucht- und Lichtreklamen in der Innenstadt verboten wurden. Oder von der geplante Maßnahme in Paris, die Innenstadt vom Autoverkehr zu befreien.

Viele andere Beispiele, die in dem Almanach versammelt sind, zeigen auf, wie das alltägliche Leben und Wirtschaften auch anders, umweltbewusster und menschenfreundlicher gestaltet werden kann. Strukturen können durch solche wachsende Aktionen langsam verändert werden und Widerstände aufbrechen. „Nachhaltiges Handeln und Agieren soll dabei aber nicht auf Verbote setzen, sondern auf Freiwilligkeit beruhen und wieder mehr und neue Freude am gemeinsamen Leben wecken“, betonte Dana Giesecke.

Dana Giesecke im Austausch mit Gästen

Michael Kopatz: Ökoroutine. Damit wir tun, was wir für richtig halten.

Michael Kopatz im Gespräch mit Manfred Ladwig

Am 20. Juni erläuterte Michael Kopatz, Projektleiter im Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie, was wir konkret ändern können und sollten, um verantwortungsvoller und umweltbewusster zu leben.

Sein Credo und Plädoyer richtet sich an den einzelnen, „Öko“ zur Routine zu machen. Mülltrennung, Sparlampen, effizienteres Bauen, Ökostrom etc. gehören heute schon zum Alltag. Was allerdings noch viel fehle, sind neue, innovative Standards und Vorgaben, um dies noch stärker und in der Breite durchzusetzen, beispielsweise durch strengere Vorgaben bei der Tierhaltung, durch Verzicht auf Zusatzstoffe, weniger Zucker oder Salz in Lebensmitteln, durch schärfere Abgasnormen bei Autos etc.

Wachstum sieht Michael Kopatz im Sinne der Nachhaltigkeit nicht als Fortschritt, sondern als Rückschritt. Er appelliert dafür, dass wir anfangen müssen, in allen Bereichen mit den Ressourcen schonender umzugehen und nicht am Wachstum als Allheilmittel festhalten. Dies zeigt der Autor in seinem Buch „Ökoroutine“ mit den Kapiteln „Essen“, „Wohnen“, „Strom“, „Kaufen“, „Unterwegs“, „Arbeiten“, „Wirtschaftsförderung 4.0“ und „Ökoroutine als politisches Konzept“ eindrücklich in zahlreichen Beispielen auf.

Blick aus dem Publikum

Harald Welzer: Die nachhaltige Republik

Harald Welzer im Gespräch mit Manfred Ladwig

Am dritten Tag der Nachhaltigkeitswoche am 21. Juni stand der Mitbegründer und Direktor von „FUTURZWEI. Stiftung Zukunftsfähigkeit“, Harald Welzer, Rede und Antwort. Ausgangspunkt seines Buches „Transformationsdesign. Wege in eine zukunftsfähige Moderne“ ist die Frage, nach den Lebensbedingungen des Menschen, die sich durch Klimawandel oder Digitalisierung verändern. Und daraus ableitend stellt sich für den Autor die Frage, wie wir unsere heutige Gesellschaft aufrechterhalten können ohne die Umwelt und Natur weiter zu zerstören. Hierbei müsse sich unsere Gesellschaft auch fragen, was wir wollen und was der Sinn unserer Gesellschaft sei.

Unsere Kultur blende aus, so Harald Welzer, woher Produkte kommen, wie sie produziert und hergestellt werden. Alles wird immer größer, schneller und alles muss immer weiter wachsen. Dadurch „nehme aber die Verletzlichkeit unserer Gesellschaft zu“, gerade auch durch die zunehmende Abhängigkeit von digitalen Systemen, wie Harald Welzer weiter erläuterte. Unsere Gesellschaft sei dadurch nicht resistent gegenüber Katastrophen. Es brauche nur eine Kleinigkeit, dann würde unser System zusammenbrechen.

Deshalb sei ein robustes Kulturmodell zum Überleben notwendig. Durch Reduzierung, Wiedergebrauch und Wiederverwertung (reduce, reuse und recycle) können wir in vielen Bereichen wie z.B. in der Baubranche dazu beitragen, dass wir mit unseren Ressourcen sorgfältiger und sparsamer umgehen.

Unsere gegenwärtige Konsumgesellschaft werde geprägt durch Werbebilder und Werbebotschaften, die ein immer-so-weiter suggerieren. Was wir aber bräuchten, so Harald Welzer weiter, „sind Bilder, die ein anderes Leben zeigen“, wie z.B. eine Stadt ohne Autos, grüne Plätze, wo vorher der Asphalt war oder einen klaren Himmel ohne Licht- und Luftverschmutzung.

Beispiele aus der Vergangenheit wie die Abschaffung der Sklaverei, der Bau des Kölner Doms oder die Ökobewegung zeigen, dass Veränderungen, Prozesse oder Verzicht auf Bestehendes einen längeren Zeitraum in Anspruch nehmen und Widerstände gebrochen und Konflikte ausgetragen werden müssen. Unser demokratisches System sei aber in der Lage, sich diesen Konflikten und Auseinandersetzungen zu stellen, auf Privilegien zu verzichten, sich zu modernisieren und zu wandeln ganz im Gegensatz zu autoritären Staaten.

Blick auf die Gesprächsrunde

Reiner Klingholz: Wer überlebt? Bildung entscheidet über die Zukunft der Menschheit

Dr. Reiner Klingholz und Manfred Ladwig im Gespräch

Zum Abschluss der Themenwoche unterstrich Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, die Bedeutung der Bildung für das Überleben der Menschheit. Die Bildung ist aus seiner Sicht Grundvoraussetzung für die Lösung anstehender Probleme wie Umwelt, Bevölkerungswachstum, Agrarwirtschaft, Wasser, Verteilung, Krisen und Kriege. „Ohne Bildung können wir die komplexen Probleme der Welt heute nicht lösen“, betonte Reiner Klingholz. Deswegen sei es absolut wichtig und dringend geboten, die Alphabetisierung besonders in Afrika und Asien weitervoranzutreiben.

Denn erst durch Bildung können die Menschen besser auf ihre Gesundheit achten, ihre Einkommensmöglichkeiten erhöhen, soziale Kontakte erweitern, bewusster eine Familie gründen, sich vor Umweltgefahren besser schützen und die Demokratisierung voranbringen in einer Gesellschaft.

Beispiele aus der Vergangenheit zeigen, dass dort, wo in Bildung investiert wurde, die Gesellschaft sich wirtschaftlich, politisch und sozial zum Wohle der Menschen weiter entwickelte. Martin Luther spielte dabei rückblickend eine Schlüsselrolle. Mit der Übersetzung der Bibel vom Lateinischen ins Deutsche wollte er allen die Möglichkeit geben, die Bibel zu lesen und zu verstehen. Im Zuge dessen sorgte Luther dafür, dass Schulen eingerichtet wurden für Jungen und Mädchen gleichermaßen, um Schreiben und Lesen zu lernen und somit auch die Geschichten der Bibel und damit auch das Leben besser zu verstehen und einordnen zu können. Durch Luthers Engagement waren deswegen die reformierten Gebiete die ersten, die die Schulpflicht einführten (Zweibrücken, Straßburg, …).

Am Beispiel von Finnland zeigte der Autor auf, wie ein rückständiger Staat innerhalb weniger Jahrzehnte zur Bildungsnation wurde. Finnland hatte bis Ende des 19. Jahrhunderts ein großes Bevölkerungswachstum zu verzeichnen. Gleichzeitig kam es zu einer Hungerkatastrophe, bei der rund 15 Prozent der Bevölkerung starben. Die lutherische Kirche begann nach der Hungerkatastrophe mit einer groß angelegten Alphabetisierung des Landes, die Mädchen und Jungen gleichberechtigt einbezogen, die Lehrerausbildung forcierte und was 1906 dazu führte, dass Finnland als erstes Land das Frauenwahlrecht einführte. Innerhalb von wenigen Jahrzehnten entwickelte sich Finnland damit zu einem führenden Bildungsland.

Anhand von weiteren Beispielen aus der Vergangenheit und Gegenwart führte Reiner Klingholz aus, dass fundamentalistisch-religiöse, kulturelle oder machtpolitische Faktoren Bildung verhindern würden, z.B. im Osmanischen Reich, in der arabischen Welt bis zur heutigen Gegenwart (im Gegensatz zum Iran, wo Bildung einen hohen Stellenwert seit Jahrhunderten einnimmt) oder in afrikanischen Ländern.

Bildung hänge letztendlich sehr stark mit dem Bevölkerungswachstum zusammen. In armen Regionen sei das Bevölkerungswachstum am höchsten. In diese Regionen müssten deutlich mehr Gelder für Bildung investiert werden, um dies zu bremsen. Ein Vorbild könnten die Tigerstaaten (u.a. Malaysia, Indonesien) sein, die viel in Bildung investieren. Wenn man die Bevölkerungsentwicklung dieser Staaten als Grundlage nehmen würde für die Weltbevölkerung insgesamt hätten wir bis 2100 eine Beibehaltung der Einwohnerzahl bei 7,3 Mrd. Menschen.

„Für die Zukunft wünsche er sich, dass alle Menschen Zugang zur Bildung bekommen und damit ihr Leben selbst besser gestalten und planen können“, so Reiner Klingholz abschließend.

Bei den Abendveranstaltungen der Themenwoche hatte das Publikum nach und auch während der Beiträge der Autoren und des Gesprächs mit dem Moderator, die Möglichkeit, Fragen an die Experten zu stellen.

Blick auf die Gesprächsrunde