Hessische Landeszentrale für politische Bildung
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Literatur und Politik: Der literarische Rheingau – Wanderungen durch eine poetische Landschaft

Wiesbaden, 9. Februar 2017 – Prof. Dr. Heiner Boehncke, u.a. Literaturwissenschaftler, Hesse und künstlerischer Leiter des Rheingau Literatur Festivals, und Hans Sarkowicz, Leiter des Ressorts Kultur, Bildung und künstlerisches Wort beim Hessischen Rundfunk, unterhielten sich mit dem Moderator Stefan Schröder, Chefredakteur des Wiesbadener Kurier, über die Kulturlandschaft Rheingau. Die beiden Autoren sorgten dabei vor rund 140 Besuchern für einen sehr unterhaltsamen und anregenden Abend, bei dem Prof. Boehncke den Chefredakteur ausdrücklich in seinem Schlusswort lobte, indem er sagte, „dass es schön war, einen so tollen Moderator gehabt zu haben.“

Seit 20 bis 25 Jahren versuchen Hans Sarkowicz und Prof. Boehncke die Literatur von Hessen aufzuarbeiten. Beide Autoren haben bereits mehrere Bücher gemeinsam veröffentlicht („Sie können kaum ohne …“, wie Stefan Schröder dazu bemerkte), z.B. auch den Band „Ludwig Emil Grimm: Lebenserinnerungen des Malerbruders“, der letztes Jahr bei der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung vorgestellt wurde.

Jürgen Kerwer begrüßt die Gäste
Stefan Schröder im Gespräch mit Hans Sarkowicz und Prof. Boehncke

„Irgendwann kamen wir dann auf das Rheingau, die Urschmelze der Literatur“, wie Prof. Boehncke betonte. Zeitlich setzen die Autoren im 8./9. Jahrhundert in der Regentschaft Karls des Großen mit den Fuldaer Annalen und dem Bericht über den Mainzer Erzbischof Hrabanus Maurus an und spannen den Bogen über das Mittelalter, die frühe Neuzeit und die Zeit der Romantik bis ins 20./21. Jahrhundert.

Auf die Frage von Stefan Schröder, wie das Buch aufgebaut sei, antwortete Prof. Boehncke, dass dahinter ein „literaturgeografisches Konzept“ stecke mit der These, dass „die Landschaft Rheingau erst durch die Literatur erschlossen wurde und dadurch auch den Blick darauf veränderte“, wie Prof. Boehncke weiter herausstellte. Geprägt wurde das Bild vom Rheingau vor allem durch die Romantiker, die die deutsche Kultur in dieser Zeit mit ihren Hauptwerken, „Des Knaben Wunderhorn“ von Clemens Brentano und Achim von Arnim und „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm, maßgeblich prägten. Als Abgrenzung zu Frankreich und/oder zu Machtverhältnissen in Deutschland entwickelte sich im 19. Jahrhundert auch „eine politische Literatur, die sich am Rhein festmachte“, wie Hans Sarkowicz herausstellte, z.B. durch Heinrich Heine („Deutschland. Ein Wintermärchen“), Ferdinand Freiligrath („Ein Glaubensbekenntnis“), Robert Eduard Prutz („Der Rhein“) oder Max Schneckenburger („Die Wacht am Rhein“).

Die Autoren mit dem Moderator im heiteren Austausch
Blick ins Publikum

Auf die Frage des Moderators, welche Autoren denn besonderen Eindruck hinterlassen hätten, wurden dann erstaunlicherweise nicht die zu Erwartenden genannt. Hans Sarkowicz führte Johann Kaspar Riesbeck (1754-1786) an, der als „Ahnherr des Reisejournalismus“ gilt und Deutschland in der Zeit vor der Französischen Revolution bereiste. Sein Buch „Briefe eines reisenden Franzosen“, das zunächst anonym erschien, enthält zahlreiche Beschreibungen des Rheingaus, die Hans Sarkowicz begeisterten, beispielsweise seine Beobachtungen über die Ernte der ersten Traube, aus denen er dann auch zitierte.
Prof. Boehncke hingegen war ganz angetan von den „wunderbaren Beschreibungen des Rheingaus“ durch Georg Forster, die dieser bei einer mehrwöchigen Schiffsreise auf dem Rhein 1790 mit Alexander von Humboldt festhielt. Georg Forster, der mit seinem 1778 bzw. 1780 veröffentlichten Buch „Reise um die Welt“ „zum literarischen Star“ wurde, begründete mit seinem mehrbändigen Werk „Ansichten vom Niederrhein von Brabant, …“ eine „erzählend-wissenschaftliche Reiseliteratur in Deutschland“.

Stefan Schröder bekam auf seine Frage, ob es den typischen Rheingauer gäbe, die Antwort, dass die „Menschen des Rheingaus durch den Wein und den Katholizismus geprägt wurden“. Nicht nur die Rheingauer selbst liebten ihren Wein, sondern auch die vielen Reisenden und Besucher waren und sind begeistert vom Rheingauer Wein. Zum Beispiel auch Goethe, der besonders den „Eilfer“ (1811) des Winkeler Hasensprungs (im Brentano-Haus in Winkel heute als Goethe-Wein angeboten) liebte. Prof. Boehncke hat selbst im Keller einen Winkeler Hasensprung von 1976, den er „irgendwann zu einem besonderen Anlass trinken werde“. Hans Sarkowicz empfahl darüber hinaus den „Assmannshäuser Höllenberg“.

Publikum im Eingangsbereich
Blick auf die Gesprächsrunde

Auf Lesetipps angesprochen verwies Prof. Boehncke auf Goethes Beschreibung seiner Wanderung zum Schloss Vollrads, die Lust auf diese Kulturlandschaft macht und einlädt, sich selbst auf die Wanderschaft zu begeben. Hans Sarkowicz ergänzte und erklärte das Schloss zu einem „Großjuwel, das herzzerreißend schön sei“. Einen weiteren Wandertipp hatte Hans Sarkowicz auf Lager: Mit der Rüdesheimer Seilbahn zum Ostein’schen Park und dort die zahlreichen Sehenswürdigkeiten und Leseplätze inklusive des Niederwalddenkmals aufsuchen.

Weitere Lesetipps wie Gedichte von Robert Gernhardt oder Beschreibungen von Eva Demski, die die beiden Autoren im Verlaufe des Gesprächs vortrugen, finden sich neben zahlreichen anderen Gedichten und Beschreibungen in dem vorgestellten Buch.

Das Publikum, das sich an diesem Abend mit Fragen zurückhielt, verabschiedete Prof. Boehncke, Hans Sarkowicz und Stefan Schröder mit großem Applaus und durfte sich die bereitgestellten Bücher von den Autoren auf Wunsch signieren lassen.

Heiner Boehncke & Hans Sarkowicz: Der literarische Rheingau. Wanderungen durch eine poetische Landschaft. Waldemar Kramer in der Verlagshaus Römerweg GmbH, Wiesbaden 2016, gebundene Ausgabe, 24 €.

Hans Sarkowicz zitiert Robert Gernhardt
Die Autoren beim Signieren