Hessische Landeszentrale für politische Bildung
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Literatur und Politik:
Ulrich Grober: Vom Wert der Nachhaltigkeit

Wiesbaden, 28. September 2017 – Ulrich Grober, Journalist, Publizist und Autor, gab im Rahmen der Reihe „Literatur und Politik“ der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung (HLZ) einen Einblick in seine neue Publikation „Vom Wert der Nachhaltigkeit“, die in der Schriftenreihe „Nachhaltigkeit“ der HLZ neu erschienen ist.  
Moderiert wurde das Gespräch von Manfred Ladwig, der sich als Fernsehredakteur in der Umweltredaktion des SWR seit vielen Jahren mit Globalisierung, Gentechnik und Ressourcen auseinandersetzt.

Auf die Eingangsfrage von Manfred Ladwig wie er denn zum Thema „Nachhaltigkeit“ gekommen sei, holte Ulrich Grober etwas aus. In seiner Kindheit sei er viel in der Natur unterwegs gewesen im Sauerland und an der Bergstraße. Sein Studium der Anglistik und Germanistik an der Universität Frankfurt 1968/69 sei geprägt gewesen von einem „kritischen Bewusstsein gegenüber der Industrie- und Konsumgesellschaft“ und er fühle sich auch als „Kind der Frankfurter Schule“. Die Geburt seiner Tochter 1985 und ein Jahr später die Katastrophe von Tschernobyl mit den Auswirkungen auch auf Deutschland, sorgten bei ihm vor dem Hintergrund seiner biographischen und intellektuellen Prägung zu einem Umdenken. Denn die Vorstellung, dass „seine Tochter in einer Welt leben müsse, die unbewohnbar wäre, war für ihn unerträglich“, so Ulrich Grober.

Den Zugang zum Begriff „Nachhaltigkeit“ fand der Autor über die Fachsprache des Forstwesens im 18. Jahrhundert, mit dessen Konzepten er sich intensiv beschäftigte. Hans Carl von Carlowitz (1645-1714) beschreibt in seinem Buch „Sylvicultura oeconomica oder Anweisung zur wilden Baumzucht“ von 1713 die Schlüsselrolle der Ressource Holz und plädiert darin für eine Vielzahl an praktischen Maßnahmen, um den Bestand des Holzes zu bewahren (Conservation), ihn beständig und nachhaltig nutzen zu können. Für Carlowitz als Lutheraner war das Holz eine Gabe Gottes, mit der man nicht verschwenderisch umgehen dürfe und man der Natur mit Dankbarkeit und Respekt begegnen müsse.
Dieses Buch von Carlowitz und auch das Verständnis für nachhaltiges Wirtschaften entstand in einer Zeit, als besonders in England und Frankreich Holz knapp wurde und die Angst um sich griff, dass das Holz als zentraler Rohstoff bald verschwunden sein könnte, erläuterte Ulrich Grober weiter.
Damals galt die Devise: Nicht mehr Holz fällen als nachwächst! „Die Ökonomie war in die Ökologie eingebettet“, wie der Autor betonte.
Auf der Suche nach Ersatz für Holz wurde man bei der Kohle fündig („unterirdische Wälder“). Dieser Rohstoffersatz beschleunigte die industrielle und wirtschaftliche Entwicklung ab dem 18. Jahrhundert, besonders dann nach dem Zweiten Weltkrieg (Erdöl und Erdgas neben Kohle als großer Beschleuniger) und ab den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts.

Jürgen Kerwer begrüßt die Gesprächspartner und das Publikum
Ulrich Grober und Manfred Ladwig im Gespräch

Manfred Ladwig wollte im Verlauf des Gesprächs von Ulrich Grober wissen, welche Persönlichkeiten im 20. Jahrhundert in ihrer Ethik und ihren Vorstellungen den Begriff „Nachhaltigkeit“ aufgegriffen hätten. Zunächst führte der Autor Albert Schweitzer an. Der Humanist, Arzt und Theologe  griff in einem Brief an einen französischen Bienenzüchter 1956 den modernen Menschen an und forderte Ehrfurcht und den Respekt vor jeder lebendigen Kreatur ein, kulminierend in dem Satz: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“
Die Meeresbiologin und Schriftstellerin Rachel Carson bezog sich in ihrem Buch „Der stumme Frühling“ von 1962 auf Albert Schweitzers Aussagen und setzte sich damals für das Verbot des Pflanzenschutzmittels DDT ein. Das Buch wurde millionenfach verkauft und „erscheint im Rückblick als Aufbruchsignal für die weltweiten Umweltbewegungen“.
Hans Jonas, deutsch-amerikanischer Philosoph, kam 1979 in seiner Veröffentlichung „Das Prinzip Verantwortung“ zum Schluss, dass der Macht von Wissenschaft und Wirtschaft Zügel angelegt werden müssten. Sein Imperativ lautete: „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.“

Als weitere Ankerpunkte führte Ulrich Gruber u.a. Aussagen von Prinz Charles (nachhaltig im Einklang mit der Natur stehen), die Beschäftigung mit der Lebenswelt von Ötzi nach seiner Entdeckung 1991, Bruce Chatwin und die Songlines (vielstrophiger Gesang in Australien, der Mensch und Natur zusammenführt) und den Earth Day 1970, an dem die Natur gefeiert und eine Rückbesinnung auf die Kultur der indigenen Völker stattfand, an.

Die Erd-Charta von 2000, die die Ergebnisse einer weltweiten Debatte von zivilgesellschaftlichen Initiativen und Nichtregierungs-Organisationen nach dem Rio-Gipfel von 1992 bündelte, fasste zahlreiche Forderungen und Aspekte der Nachhaltigkeits-Vordenker zusammen und skizzierte eine „gemeinsame Vision von Grundwerten“, die „das ethische Fundament der entstehenden Weltgemeinschaft“ bilden könnten.
Auch die katholische Kirche meldete sich 2015 mit der Enzyklika „Laudato si – Über die Sorge um das gemeinsame Haus“ von Papst Franziskus zu Wort und formulierte damit auch eine Kritik des gegenwärtigen Kapitalismus.
Papst Franziskus bezog sich in seiner Enzyklika, wie Ulrich Grober konstatierte, auch bewusst auf Franz von Assisi, der in einer Dichtung von 1225 den Mensch als Teil der Natur sah und sich für eine universale geschwisterliche Gemeinschaft von Menschen und Mitwelt aussprach.

Auf die Fragen von Manfred Ladwig, was wir nun aus diesen Vorstellungen, Forderungen und Wünschen für die Realität („die sieht ganz anders aus“), die Gegenwart und Zukunft ableiten sollten und ob „die Sprache das richtige Mittel sei, um die Menschen zu überzeugen“, antwortete Ulrich Grober mit mehreren Gedanken. Zunächst wies er darauf hin, wie wichtig für ihn die Sprache im Zusammenhang mit der Natur und der Umwelt sei und riet dazu, achtsam und sensibel damit umzugehen, denn die Sprache lenke unser Handeln. Daraus könne dann auch wieder mehr Respekt gegenüber der Natur und seiner Umwelt entstehen und „sollten dabei die Dinge wieder unter dem Aspekt der Ewigkeit sehen“.
Zum anderen sei es sinnvoll, „Konzepte aus den vorgestellten Traditionen und Leitideen zu nutzen und auf die Gegenwart anzupassen“.
Außerdem sei es allein schon aus Verantwortung gegenüber nachfolgenden Generationen notwendig, für eine „umfassende Bildung für Nachhaltigkeit vom Kindergarten an“ zu sorgen.

Ulrich Grober und Manfred Ladwig im Austausch mit dem Publikum
Blick aus dem Publikum

In einer kurzen abschließenden Fragerunde mit dem Publikum hob Ulrich Grober hervor, dass wir bei allen Diskursen über Freiheit und Rechte, nicht „den Diskurs über Pflichten und Verantwortlichkeiten gegenüber der Welt“ vergessen sollten. Eine „Debatte über unsere Wertvorstellungen“ sei im Zuge dessen absolut notwendig. Dazu ergänzte er auf eine Anmerkung aus dem Publikum zum Dreieck „Ökologie – Soziales – Ökonomie“, dass dieses wieder in das richtige Lot gebracht und die Ökonomie der Ökologie zum Wohle des Gleichgewichts wieder untergeordnet werden müsse. Denn die „Ökonomie sei eine Subkultur der Ökologie“.

In seinem Schlussplädoyer machte der Autor dem Publikum Mut, keine Angst zu haben, mit Optimismus und viel Hoffnung sich daran zu machen, Verantwortung für die (Um-)Welt „im menschlichen Maß“ zu übernehmen.

Bevor die beiden Gesprächspartner mit Applaus verabschiedet wurden, gab Ulrich Grober noch etwas zum Schmunzeln mit auf den Weg:
Unterhalten sich zwei Embryonen im Mutterleib. Fragt der eine: Du, was meinst du, gibt es ein Leben nach der Geburt? Antwortet der andere: Man weiß es nicht. Es ist noch niemand zurückgekommen.

Die Broschüre von Ulrich Grober „Vom Wert der Nachhaltigkeit“ ist bei der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung (HLZ) in der Schriftenreihe „Nachhaltigkeit“ erschienen und kann auf der Website der HLZ hier bestellt werden.