Hessische Landeszentrale für politische Bildung
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Literatur und Politik:
Heiner Boehncke/Hans Sarkowicz: Die Geschichte Hessens

Wiesbaden, 16. November 2017 – Zu Gast war an diesem sehr unterhaltsamen und lehrreichen Abend in der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung mit weit über 100 Besuchern ein bekanntes „Triumvirat“ so Jürgen Kerwer, ständiger Vertreter des Direktors und Verantwortlicher der Reihe „Literatur und Politik“, bei der Begrüßung.

Prof. Dr Heiner Boehncke, Hans Sarkowicz und Stefan Schröder im Gespräch

Zum Dreigespann zählte zum einen Prof. Dr. Heiner Boehncke, Literaturwissenschaftler, künstlerischer Leiter des Rheingau Literatur Festivals, Autor und vor allem Hesse an sich (geboren in Schwarzenfels im Sinntal). Zum anderen Hans Sarkowicz, Leiter des Ressorts Kultur, Bildung und künstlerisches Wort beim Hessischen Rundfunk, der ebenfalls im Main-Kinzig-Kreis (in Gelnhausen) geboren wurde und als „echter“ Hesse u.a. gemeinsam mit Prof. Boehncke zahlreiche Bücher zu Hessen geschrieben hat, z.B. „So sahen sie Hessen“, „Literaturland Hessen“, „Das literarische Rheingau“ oder „Ludwig Emil Grimm“. Als Dritter im Bunde und Moderator des Abends versuchte Stefan Schröder, Chefredakteur des Wiesbadener Kuriers, die beiden Hessen-Kenner als Nicht-Hesse in die richtige Balance zu bringen, was ihm auch meist gut gelang.

Stefan Schröder lobte zunächst das vorgestellte Buch „Die Geschichte Hessens“ als „grandioses Werk“, um dann gleich die Einstiegsfrage hinterher zu schieben, ob es „vom Neandertaler bis zur schwarz-grünen Koalition“ (so der Untertitel des vorgestellten Buches) „eine Entwicklung gegeben hätte“. Darauf antwortete Hans Sarkowicz mit „Ja und zwar 0,2%“. Womit er sich auf den Unterschied des Erbguts zwischen dem Neandertaler und dem heutigen Menschen bezog und feststellte, dass dieser doch sehr gering sei.

Ob Hessen ein Kunstland Hessen sei, so eine weitere Frage des Moderators, verneinten die beiden Autoren nachdrücklich. Bis 1567 habe die Landgrafschaft Hessen als einheitliches Gebilde existiert, so Hans Sarkowicz. Danach teilte es sich in Hessen-Darmstadt, Hessen-Kassel sowie Hessen-Nassau und Hessen-Waldeck auf. Hessen-Darmstadt und Hessen-Kassel blieben die Kerngebiete von Hessen. Hessen-Nassau und vor allem Hessen-Waldeck gehörten weniger zum Hessischen. Was den Hessen aber heute fehle sei Rhein-Hessen und Teile des Westerwaldes, betonte Prof. Boehncke.

Blick ins Publikum

Auf die Frage wie man sich solch einem Buchprojekt nähere, meinte Hans Sarkowicz, dass man ja schon seit über 30 Jahren Bücher mache und auf Erfahrungen zurückgreifen könne. Natürlich könne man nicht alle Aspekte von Hessen abbilden, aber man wollte „eine kontinuierliche Geschichte Hessens darstellen“. Und zwar einerseits, wie Prof. Boehncke dann ergänzte, mit dem „Blick auf das Große“ und andererseits mit einem „mikroskopischen Blick auf das Kleine“. „Wo das Alltagsleben stattfindet, schauen wir hin“, so Prof. Boehncke weiter. Er habe beispielsweise beim Hanauer Geschichtsverein sehr viel über das historische Arbeiten auf lokaler Ebene erfahren und schätzen gelernt, denn dieses sei „durch nichts zu ersetzen“. Prof. Boehncke führte noch dazu aus, dass es einem bei der Entstehung eines Buches gehe wie einem Kartographen, der nach und nach die Grenzen einzeichne und das Bild immer weiter verfeinere.

Man habe auf zahlreiche Sekundärliteratur zurückgreifen können, aber im Einzelfall seien sie auch in die Archive gegangen, erläuterte Hans Sarkowicz. Die hessischen Archive, z.B. in Marburg, Wiesbaden oder Darmstadt, seien hervorragend. Es sei ein großes Vergnügen, dort zu arbeiten und zu recherchieren. Denn man könne in Archiven auch unglaubliche Entdeckungen machen, beispielsweise im Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden, als sie das Notizbuch von Rosemarie Nitribitt in Händen hielten, den Fall aber leider nicht klären konnten. Die Akte sei also noch offen.

Darauf angesprochen, was für sie die interessantesten Aspekte bei der Entstehung des Buches gewesen seien, nannte Hans Sarkowicz die Nachkriegszeit von 1945 bis 1950, die für ihn äußerst spannend in ihrer politischen und gesellschaftlichen Entwicklung gewesen sei. Außerdem seien die Frauen in der hessischen Geschichte besonders bemerkenswert z.B. die Heilige Elisabeth, Sophie von Brabant und Lothringen, Landgräfin Amalie-Elisabeth von Hessen-Thüringen oder Elisabetha Magdalena Buderus.

Prof. Boehncke verwies auf Philipp den Großmütigen, der den Protestantismus in Hessen voranbrachte, dann mehrere Jahre in Gefängnissen verbringen musste, bevor er von seinem Sohn befreite wurde. Die letzten 15 Dienstjahre vollzog er eine Kehrtwende, wurde ein Mann des Ausgleichs und gründete z.B. Hospizen.

Besonders erwähnenswert an diesem Abend war für Prof. Boehncke auch der Ort Lißberg bei Ortenberg, denn dort befinde sich das größte Musikinstrumentenmuseum Deutschlands.

Und nicht zuletzt die nordhessische Ahle Worscht wurde beim Gespräch wärmstens von ihm empfohlen. Sie bestehe aus „den edelsten Teilen des Schweins“ und sollte am besten 30 Tage lang geräuchert sein. Die beste Ahle Worscht bekomme man bei der Metzgerei Kaiser in Schauenburg. Wer dort einkaufen wolle, solle dann einen schönen Gruß von ihm ausrichten.

Die Gesprächsrunde im Austausch mit dem Publikum

Beim Stichwort Leitkultur der Hessen oder was das Hessische ausmache, verwies Prof. Boehncke darauf, das „der Hesse über solche Dinge gar nicht nachdenke oder spreche“. Der Hesse sei nämlich „weltoffen und witzisch“ und „babbelt gerne“. Die geografische und zentrale Lage des Rhein-Main-Gebiets, Frankfurt als Messestadt, trage hier schon seit Jahrhunderten zu dieser Weltoffenheit bei. Außerdem könne der Hesse auch Widersprüche aushalten und friedlich bleiben.

Hans Sarkowicz hob hier hervor, „um das Niveau noch etwas zu erhöhen“, dass der „Hesse fleißig sei“, aber auch „aufmüpfig und widerspenstig sein könne“. Früher hatten sich die Chatten gegen die Römer gewehrt, die Städte hätten sich gegen Klöster und den Adel behauptet, die Protestanten hatten in Hessen großen Rückhalt, der Vormärz oder das Beispiel der hessischen Offiziere 1852, die ihren Dienst quittierten, zeugen von der Widerspenstigkeit der Hessen.

Die Preußen hinterließen ab der Mitte des 19. Jahrhunderts nachhaltig ihre Spuren in Hessen, was für einige Hessen zuerst ein Schock war. Aber insgesamt war es kein Nachteil, wie Hans Sarkowicz meinte. Denn die Preußen sorgten für eine Modernisierung der Wirtschaft und für Ordnung und vertrieben die alten Fürsten.

Bei der Identitätsfindung und den „Laubsägearbeiten“ nach 1945 wie Hans Sarkowicz betonte, hätten die Amerikaner viel geleistet und geholfen, auch wenn diese zunächst zwei Hessen-Länder geplant hatten. Die Amerikaner brachten eine demokratische Kultur, den Jazz, Radiosender, Unterhaltung usw. nach Hessen. Rund 1 Mio. Vertriebene und Flüchtlinge mussten in der Zeit integriert werden. Aber die Hessen bauten Brücken und halfen bei der Integration der Heimatlosen. Hier spielte beispielsweise auch der Hessische Rundfunk eine wichtige Rolle. Erfolgreiche Integration hatte Hessen schon früher mit der Aufnahme und Ansiedlung der Hugenotten und Waldenser z.B. in Neu-Isenburg oder Hanau betrieben.

Georg August Zinn, der hervorragende Arbeit als Ministerpräsident geleistet habe, so Prof. Boehncke, brachte in einer Rede auf dem Hessentag die Identität der Hessen auf den Punkt: „Hesse ist, wer Hesse sein will.“

Nach dem moderierten Gespräch beantworteten die beiden Autoren Fragen aus dem Publikum zur Rolle der Juden, dem Hessischen Wappen („die Löwen sind vom Thüringischen Wappen geklaut“), den Preußen, dem Wahlslogan „Hessen vorn“ (Georg August Zinn, der die Wahl dann mit absoluter Mehrheit gewann), Nazizeit oder Hessen-Hymne („kann man ruhig vergessen“).

Einen Geschenk-Tipp zu Weihnachten hatten die beiden auch noch parat und zwar ein Buch über den Großvater von Johann Wolfgang Goethe, der bisher wenig bis keine Beachtung gefunden hat: „Monsieur Göthé: Goethes unbekannter Großvater, Die Andere Bibliothek“. Die gebundene Ausgabe sei in jeder guten Buchhandlung für 42 € zu erwerben.

Nachdem das „Triumvirat“ zum Ende der Veranstaltung mit kräftigem Applaus bedacht worden war, konnten sich die Zuhörer über ein Exemplar des vorgestellten Buches "Die Geschichte Hessens“ freuen und sich dieses auch noch von den Autoren signieren lassen, was viele denn auch taten.

Die Autoren beim Signieren

Die Veranstaltung zum Nachhören