Hessische Landeszentrale für politische Bildung
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Literatur und Politik: 21.0 – Eine kurze Geschichte der Gegenwart

Wiesbaden, 23. März 2017 – Prof. Dr. Andreas Rödder, Professor für Neueste Geschichte an der Universität Mainz, stand an diesem Abend in der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung im Rahmen der Reihe „Literatur und Politik“ vor rund 100 Zuhörerinnen und Zuhörern Rede und Antwort zu seinem Buch „21.0 – Eine kurze Geschichte der Gegenwart“. Moderiert wurde das Gespräch von Dr. Philip Plickert aus der Wirtschaftsredaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Jürgen Kerwer begrüßt die Gäste

Einleitend merkte der Moderator an, dass „das Buch voller Wissen stecke und sich der Autor sehr gut in Wirtschaftsfragen auskenne, was für einen Historiker nicht selbstverständlich sei“.

Auf die Frage von Dr. Plickert wie der Historiker denn die in dem Buch aufgeführten Probleme der Gegenwart erklären kann, erwiderte Prof. Rödder, dass man zum einen „Muster und Tendenzen aus der Vergangenheit ableiten könne“. Zum anderen aber „auch nicht alles im Rückblick 1:1 zu erklären sei“, sondern sich auch neue Entwicklungen ergeben würden, die man anders betrachten und analysieren müsse.

Als Beispiel für die Ableitung von Mustern führte Prof. Rödder das Thema „Klimawandel“ an. Im Blick auf die Vergangenheit, beispielsweise bei Berichten in der Bibel oder in anderen historischen Quellen über Naturkatastrophen, „wiederholten sich Erzählmuster“, die auch in der Gegenwart auftauchen und zu einem „z.T. übertriebenen Alarmismus in der Klimafrage“ führen würden. Allerdings stoßen hier die Muster an ihre Grenzen, denn der Klimawandel sei heute ein „ernsthaftes Problem“, das es zu lösen gelte.

Ein anderes Beispiel, wie Prof. Rödder weiter erläuterte, sei die Planwirtschaft des Staates in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts. In dieser Phase wollte der Staat alles lenken und die Wirtschaft regulieren (Ordnung durch den Staat). Mit der Ölkrise 1973 brach jedoch dieses System zusammen. Die Folge war die Hinwendung zu einer freien Marktwirtschaft und einer „Ordnung durch den Markt“, die vor allem die englische und amerikanische Gesellschaft seit den 80er Jahren stark prägte. Hier liege auch eine der Ursachen für die Finanzkrise vor rund zehn Jahren, wie Prof. Rödder betonte, nämlich die mangelnde Nachsteuerung der liberalisierten Finanzmärkte, die sich in den 90er Jahren immer weiter verselbständigt hatten. Eine weitere Ursache für die Finanzkrise sei die Niedrigzinspolitik des Federal Reserve System (FED), das Zentralbank-System der Vereinigten Staaten, nach dem 11. September 2001 gewesen. Außerdem hatte die „Sozialpolitik auf Amerikanisch“ zu einer hohen Verschuldung des Einzelnen geführt. Zudem trugen Disfunktionalitäten der Märkte (Börsenspekulationen, Kursmanipulationen etc.) ihren Teil dazu bei.

Dr. Plickert stellt das Buch von Prof. Rödder vor

Mit Blick auf diese Entwicklungen und Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte stellte Prof. Rödder fest, dass „die Ordnungsmodelle der Vergangenheit nicht funktioniert hätten“ und man heute eher ratlos sei, welches Modell für die Zukunft nun geeignet sein könnte.

Von Dr. Plickert angesprochen auf den Wertewandel und die Kultur der Inklusion in den vergangenen Jahren erläuterte Prof. Rödder, dass sich daraus neue Probleme ergeben hätten. In den letzten Jahrzehnten sei eine „aktive Politik der Gleichstellung von Minderheiten und Benachteiligten“ verfolgt worden, die für mehr Gerechtigkeit sorgen sollte. Aus seiner Sicht führten die Gleichstellungspolitik und damit „die Überwindung alter Ordnungen aber auch zu neuen Dissonanzen in der Gesellschaft“. Die Ideologisierungen in den öffentlichen Debatten sorgten für „Sprachverbote“, die eine offene Diskussion darüber erschweren würde.

Beim Thema Europäische Union konstatierte Prof. Rödder zwei grundlegende Probleme, die für die derzeitige Entwicklung verantwortlich seien. Erstens läge es an der Währungsunion. Diese sei „schief konstruiert“, denn es gäbe neben der Zentralbank starke Nationalbanken, die „nicht für Stabilität sorgen, sondern eigenen Regeln folgen würden“. Außerdem bestünden in den Mitgliedsstaaten der Währungsunion „unterschiedliche Wirtschafts- und Rechtskulturen“, die nicht unter einen Hut zu bringen seien. Und schließlich gäbe es aufgrund der stark unterschiedlichen Wirtschaftssysteme und -stärken „keinen einheitlichen Wirtschaftsraum“. Zweitens komme hinzu, dass „das Schengener Abkommen nicht funktionieren würde“.

Auf die Frage von Dr. Plickert wie es denn mit der Europäischen Union weitergehen könnte, zählte Prof. Rödder vier Möglichkeiten auf:

1. Die Europäische Union abwickeln.
2. So weiter machen wie bisher.
3. Mehr Europa schaffen.
4. Die Europäische Union bewahren, aber flexibler gestalten.

Letztere Möglichkeit würde er bevorzugen: Beispielsweise wäre eine engere Abstimmung in der Union bei Fragen wie Flüchtlings- und Sicherheitspolitik sinnvoll, in anderen Bereichen wie Wirtschafts- und Sozialpolitik sollten die einzelnen Staaten wieder mehr Spielräume erhalten. Denn eine „stabile Europäische Union funktioniere nur mit starken Nationalstaaten“.

Nach dem moderierten Gespräch folgten Fragen aus dem Publikum.
Auf die Frage wie er die öffentliche Diskussion im Falle der Causa Baberowski einschätze, bemerkte Prof. Rödder, dass er „die Diffamierung des Professors für einen Skandal halte“. In der Wissenschaft müsse eine freie Diskussion möglich sein, die allerdings „bei der Menschenwürde und völkischem Denken an Grenzen stoße“ und dem Populismus widerstehen sollte. Eine lebendige Öffentlichkeit sei jedenfalls notwendig in Deutschland.

Eine weitere Frage bezog sich auf den Brexit, der ein Weckruf für ein starkes Europa sein könnte, gerade hinsichtlich des Wahlergebnisses in den Niederlanden und des möglichen neuen französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron, der ein Verfechter eines starken Europas sei. Darauf hatte Prof. Rödder keine Antwort, sondern verwies darauf, dass es mehrere Szenarien für Europa geben könne. Wichtig sei, dass man dabei immer über Alternativen nachdenken sollte.

Schließlich kam aus dem Publikum die Frage zu Quoten auf, auf die Prof. Rödder differenziert antwortete. Quoten seien aus seiner Sicht richtig. Problematisch werde es aber, wenn „unterschiedliche Gerechtigkeitskonzepte aufeinander treffen und ideologisch instrumentalisiert würden“.

Nach der Fragerunde gab es für das Publikum noch die Möglichkeit, sich die von der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung bereitgestellten Bücher signieren zu lassen.

Das Buch „Andreas Rödder: 21.0 – Eine kurze Geschichte der Gegenwart“ kann bei der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung hier bestellt werden.

Blick ins Publikum