Hessische Landeszentrale für politische Bildung
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Veranstaltungen

Sarah Dionisius: Heteronormativität, Reproduktion und Praktiken der Aneignung. Zur Familienbildung lesbischer und queerer Frauen*paare in Deutschland

Seit Anfang der 2000er Jahre steigt in Deutschland die Zahl der lesbischen und queeren Frauen*paare, die über Samenspenden Kinder bekommen. Die entstehenden Familienkonstellationen sind vielfältig, die Routen der Reproduktion ebenso: Heteronormative rechtliche Rahmenbedingungen und institutionelle (Nicht-)Adressierungen lesbisch-queerer Lebensformen erschweren in Deutschland den Zugang zu Reproduktionskliniken – neben Reisen in Länder mit einem liberaleren Zugang zu reproduktionsmedizinischen Behandlungen nutzen die Paare häufig Do-it-yourself-Praktiken wie die Selbstinsemination. Die Grundlage des Vortrags bilden 21 qualitative Interviews mit lesbischen und queeren Frauen*paaren aus Deutschland, die über eine Samenspende Kinder bekommen haben. Zunächst werden Ausschlüsse nicht-heterosexueller Lebensweisen auf rechtlicher und medizinischer Ebene in den Blick genommen und „Othering“-Prozesse nachgezeichnet. Unter Rückgriff auf Perspektiven der Queer Studies und der Feminist Science and Technology Studies stehen im Anschluss die verschiedenen Aneignungsweisen der lesbischen und queeren Akteurinnen* im Zentrum sowie die Frage, inwiefern ihre reproduktiven Praktiken heteronormative Vorstellungen von Familie, Verwandtschaft, Geschlecht und Reproduktion herausfordern.

SARAH DIONISIUS studierte Politikwissenschaft an der Goethe-Universität und war wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie am Schwerpunkt Biotechnologie, Natur und Gesellschaft. Sie promoviert zur Frage einer Neuverhandlung von Familie, Verwandtschaft und Geschlecht durch lesbische und queere Paare. Seit 2015 arbeitet sie bei rubicon e.V. in Köln und berät Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans* und queere Personen zu Familiengründung und Elternschaft.

Veranstaltungsreihe

Diese Veranstaltung gehört zur Reihe Cornelia Goethe Colloquien: Die Anderen der Reproduktionsmedizin. Feministische Perspektiven auf Arbeit, Familie und Rassismus.

Reproduktionsmedizinische Kliniken bieten assistierte Befruchtungen an und immer mehr Frauen und Paare nehmen diese Dienstleistungen in Anspruch. Das Verhältnis zwischen den nachfragenden Klient*innen und den Anbieter*innen assistierter Reproduktion steht im Zentrum politischer Debatten und medialer Repräsentationen. Diskutiert wird die individuelle reproduktive Selbstbestimmung von Frauen, das unerfüllte Begehren nach dem „eigenen“ Kind und die Legitimität, diesen Wunsch mittels Technologien zu befriedigen. Ein individualisierender Blick auf die unmittelbar Beteiligten blendet jedoch viele Dimensionen der mit Reproduktionstechnologien einhergehenden sozialen Verhältnisse aus und ignoriert eine Vielzahl von weiteren Akteur*innen. Die Vortragsreihe richtet den Blick auf diese „Anderen“ der Reproduktionsmedizin. Was bedeutet die globale Expansion dieser Technologien etwa für diejenigen Frauen, die transnational Eizellen bereitstellen oder als Leihgebärende arbeiten? Reproduktionstechnologien umfassen auch diagnostische Verfahren zur Analyse von embryonalen Besonderheiten – welche Werturteile sind mit der Nutzung dieser Verfahren verbunden und welche Folgen hat dies für Menschen, die nicht den körperlichen und geistigen Normvorstellungen entsprechen? Der Wunsch nach einem „eigenen“ Kind beinhaltet spezifische Vorstellungen biologischer oder genetischer Verwandtschaft. Was sind die Triebkräfte dieser Entwicklungen, und welche anderen Formen des Zusammenlebens mit Kindern geraten damit aus dem Blick? Aber auch: Um wessen Kinderwünsche geht es überhaupt? Welche rechtlichen Regelungen und institutionellen Praktiken schließen diejenigen vom Zugang zu diesen Dienstleistungen aus, die jenseits heteronormativer Konstellationen Kinder haben wollen? Und: Welche Frauen sollen weltweit durch den Einsatz hochentwickelter Verhütungstechnologien davon abgehalten werden, (mehr) Kinder zu bekommen? Die Vorträge diskutieren diese Fragen nach den „Anderen“ der Reproduktionsmedizin aus politikwissenschaftlicher, kulturanthropologischer, soziologischer und historischer Perspektive. Jeder der Vorträge wird von einem Kurzkommentar von Frankfurter Wissenschaftler*innen aus verschiedenen Disziplinen flankiert.

Datum

17. Januar 2018, 18 Uhr bis - 20 Uhr c.t.

Ort

Goethe-Universität Frankfurt am Main, Campus Westend, PEG-Gebäude, 1.G 191

Informationsmaterial

Informationsflyer zu den Cornelia Goethe Colloquien (PDF)

Anfahrtbeschreibung

mit öffentlichen Verkehrsmitteln: Nehmen Sie am Hauptbahnhof eine S-Bahn in Richtung Innenstadt und fahren Sie bis Hauptwache, steigen Sie dort um in eine U-Bahn der Linien 1, 2, 3 oder 8 und fahren Sie bis Holzhausenstraße, 5-minütiger Fußweg.

Anmeldung

Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Durchführung

Diese Veranstaltung wird von Referat 3/IV durchgeführt.

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Übersicht

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