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Gisela Notz: Kritik des Familismus. Geschichte, Theorie und Realität eines ideologischen Gemäldes

Die Ideologie des Familismus, die die gesellschaftliche Organisationsnorm aus dem Konzept einer „Idealfamilie“ ableitet, prägt seit Jahrhunderten Politik und Sozialstruktur in Deutschland und in anderen westlichen Ländern wesentlich mit. Familismus hat einen Ausgangspunkt, der schon immer nur für einen Bruchteil der Bevölkerung praktische Relevanz hatte: die Familie. Sie gibt es heute ebenso wenig, wie es sie je gegeben hat. Und schon gar nicht war sie zu allen Zeiten die bürgerliche Kleinfamilie, wie wir sie heute kennen. Familismus ist eine Spielart des Antifeminismus, denn nach der familistischen Ideologie herrschen in der heterosexuellen, leiblichen Kleinfamilie, die immer aus Vater, Mutter und Kind(ern) besteht, komplementäre Rollenaufteilungen entlang der Geschlechterlinien. In meinem Vortrag führe ich aus, wie „moderne“ Reproduktionstechnologien die Bedeutsamkeit der „Blutsbande“ und die Sentimentalisierung der leiblichen Kleinfamilie verstärken, für die es scheinbar keine Alternative gibt. Angesichts der „neuen“ rechtspopulistischen Akteur*innen, die Familie der „menschlichen Sozialnatur“ zuordnen, hat der Familismus Hochkonjunktur. Dennoch geht, wie ich zeigen werde, die gelebte Realität vielfältige andere Wege, die das ideologische Gemälde von der „Normalfamilie“ unterwandern.

DR. GISELA NOTZ, freie Autorin, Sozialwissenschaftlerin und Historikerin, Berlin. Sie war bis 2007 wissenschaftliche Referentin mit dem Schwerpunkt Frauenforschung im Historischen Forschungszentrum der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn, Lehrbeauftragte an verschiedenen Universitäten, langjährige Redakteurin der Zeitschrift „beiträge zur feministischen theorie und praxis“, von 2004 bis 2010 Bundesvorsitzende von pro familia und schrieb zahlreiche Bücher zu historischen und aktuellen Themen, die vor allem Leben und Arbeit von Frauen betreffen.

Veranstaltungsreihe

Diese Veranstaltung gehört zur Reihe Cornelia Goethe Colloquien: Die Anderen der Reproduktionsmedizin. Feministische Perspektiven auf Arbeit, Familie und Rassismus.

Reproduktionsmedizinische Kliniken bieten assistierte Befruchtungen an und immer mehr Frauen und Paare nehmen diese Dienstleistungen in Anspruch. Das Verhältnis zwischen den nachfragenden Klient*innen und den Anbieter*innen assistierter Reproduktion steht im Zentrum politischer Debatten und medialer Repräsentationen. Diskutiert wird die individuelle reproduktive Selbstbestimmung von Frauen, das unerfüllte Begehren nach dem „eigenen“ Kind und die Legitimität, diesen Wunsch mittels Technologien zu befriedigen. Ein individualisierender Blick auf die unmittelbar Beteiligten blendet jedoch viele Dimensionen der mit Reproduktionstechnologien einhergehenden sozialen Verhältnisse aus und ignoriert eine Vielzahl von weiteren Akteur*innen. Die Vortragsreihe richtet den Blick auf diese „Anderen“ der Reproduktionsmedizin. Was bedeutet die globale Expansion dieser Technologien etwa für diejenigen Frauen, die transnational Eizellen bereitstellen oder als Leihgebärende arbeiten? Reproduktionstechnologien umfassen auch diagnostische Verfahren zur Analyse von embryonalen Besonderheiten – welche Werturteile sind mit der Nutzung dieser Verfahren verbunden und welche Folgen hat dies für Menschen, die nicht den körperlichen und geistigen Normvorstellungen entsprechen? Der Wunsch nach einem „eigenen“ Kind beinhaltet spezifische Vorstellungen biologischer oder genetischer Verwandtschaft. Was sind die Triebkräfte dieser Entwicklungen, und welche anderen Formen des Zusammenlebens mit Kindern geraten damit aus dem Blick? Aber auch: Um wessen Kinderwünsche geht es überhaupt? Welche rechtlichen Regelungen und institutionellen Praktiken schließen diejenigen vom Zugang zu diesen Dienstleistungen aus, die jenseits heteronormativer Konstellationen Kinder haben wollen? Und: Welche Frauen sollen weltweit durch den Einsatz hochentwickelter Verhütungstechnologien davon abgehalten werden, (mehr) Kinder zu bekommen? Die Vorträge diskutieren diese Fragen nach den „Anderen“ der Reproduktionsmedizin aus politikwissenschaftlicher, kulturanthropologischer, soziologischer und historischer Perspektive. Jeder der Vorträge wird von einem Kurzkommentar von Frankfurter Wissenschaftler*innen aus verschiedenen Disziplinen flankiert.

Datum

13. Dezember 2017, 18 Uhr bis - 20 Uhr c.t.

Ort

Goethe-Universität Frankfurt am Main, Campus Westend, PEG-Gebäude, 1.G 191

Informationsmaterial

Informationsflyer zu den Cornelia Goethe Colloquien (PDF)

Anfahrtbeschreibung

mit öffentlichen Verkehrsmitteln: Nehmen Sie am Hauptbahnhof eine S-Bahn in Richtung Innenstadt und fahren Sie bis Hauptwache, steigen Sie dort um in eine U-Bahn der Linien 1, 2, 3 oder 8 und fahren Sie bis Holzhausenstraße, 5-minütiger Fußweg.

Anmeldung

Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Durchführung

Diese Veranstaltung wird von Referat 3/IV durchgeführt.

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Übersicht

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