Hessische Landeszentrale für politische Bildung
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„Jüdische Friedhöfe in Hessen“

Nachdenkliches Interesse beim Betrachten der Grabsteine

von Meike Kolodziejczyk (FR)

Eine eigene, fast magische Atmosphäre liegt über dem Friedhof. Mehr als 1500 sandsteinerne Grabmale ragen aus der Erde, stumme Zeugen der Vergangenheit. Einige sind schief, andere umwurzelt oder umgeworfen. An manchen ranken sich Pflanzen hinauf, viele sind mit Moos und Flechten bewuchert. Besucher haben zum Gedenken kleine Steine auf sie gelegt, Steine satt Blumen; denn auf Grabschmuck wird nach jüdischem Glauben verzichtet.

Der Herbst hat die Blätter bunt gefärbt, Laub bedeckt den Boden des Waldes, den es nicht gab, als auf dem Hügel noch Menschen beerdigt wurden. Der Landfriedhof in Altengronau gehört zu den ältesten und größten der rund 350 jüdischen Begräbnisstätten in Hessen. Drei Jahrhunderte lang setzten die Juden aus dem weiten Umkreis dort ihre Toten bei. Bis die Nationalsozialisten begannen, die Juden zu vertreiben, zu ermorden und ihre Kultur zu vernichten.

Auf einem der Grabmale haben sich die abgelegten Kiesel zu einer kleinen Pyramide aufgetürmt. Es ist das Grab von Abraham Schuster, der 1935 starb. Eine Gedenktafel erinnert an seine Frau Rosa und seine Tochter Margot: "Sie kamen aus dem KZ nicht zurück." Wenige Tage vor dem 9. November, an dem sich die Pogromnacht von 1938 jährt, gehen knapp 70 Menschen andächtig zwischen den Grabsteinen umher. Die Männer tragen Hüte, Baskenmützen oder Kippas, auch manche Frauen haben ihren Kopf bedeckt. Sie sind Teilnehmer einer Exkursion der Kommission für die Geschichte der Juden in Hessen und der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung. Drei Friedhöfe stehen auf dem Programm: Hanau, Gelnhausen und Altengronau. "Jeder von ihnen ist etwas Besonderes", sagt Hartmut Heinemann, Projektleiter der Kommission: weil sie die Zeit nahezu unversehrt überstanden haben.

Für Christa Wiesner hat jeder Friedhof "seine eigene Persönlichkeit". Bald 25 Jahre, fast genauso lang wie Heinemann, arbeitet sie für die Kommission. Von rund 17 000 Grabsteinen hat sie die hebräischen Inschriften übersetzt, so mehr als 70 Grabstätten in Hessen katalogisiert. Seit September sind sie im Internet unter www.lagis-hessen.de abrufbar. "Die Friedhöfe sind sehr wichtig für die jüdische Geschichte", sagt die gebürtige Spanierin, die in Madrid Hebräisch und Arabisch studiert hat. Mit Heinemann referiert sie über Begräbnisriten und die Entwicklung der Friedhöfe. Darüber, dass die Schauseite der Grabsteine nach Westen zeigt und die Toten dahinter, mit Blickrichtung nach Osten, beerdigt sind. Oder über die ewige Ruhe, die nach jüdischem Glauben wirklich ewig währen soll, weshalb Friedhöfe nicht geräumt und neu belegt werden dürfen.

Doch in den Jahrhunderten der oft leidvollen Diaspora der Juden in Deutschland sind ihre Gräber immer wieder verlegt, zerstört oder geschändet worden; Leichen wurden exhumiert, Grabsteine zerschlagen, als Baumaterial verwendet. In Mittelalter, Neuzeit, im Nationalsozialismus. "Heute werden pro Jahr in Hessen zwei bis drei Fälle von Schändung oder Vandalismus gemeldet", berichtet Heinemann. Dass Randalierer Steine umstießen oder beschädigten, komme dabei ebenso vor wie Hakenkreuzschmierereien und andere antisemitische Taten. Auf dem Friedhof in Gelnhausen fällt ein paar Männern ein falsches Zeichen in einer hebräischen Inschrift auf. "Steinmetze waren generell Christen", erklärt Christa Wiesner. Fehler auf jüdischen Grabsteinen seien daher keine Seltenheit. Auch Friedrich Domrath entdeckt den Makel. Er habe Hebräisch noch in der Schule gelernt, sagt der Rentner, der sich mit seiner Frau um die jüdischen Friedhöfe im Raum Butzbach kümmert. Wie das Ehepaar dokumentieren manche Mitgereiste ehrenamtlich die Geschichte der Juden in ihrer Region, meist ältere Menschen, kaum ein halbes Dutzend ist unter 40, einige Lehrer sind dabei. "Ich gehöre zu einer Generation, die irgendwann anfing zu fragen", sagt ein 59-jähriger Pädagoge aus Wetzlar. Weniger berufliche Gründe hätten ihn zur Exkursionsteilnahme bewogen, "eher persönliches Interesse". Mit 20 habe er eine Zeit in England gelebt und dort seine "erste große Liebe" kennengelernt, sagt er. Als ihr Vater ihn eines Abends zum Essen einlud, habe er erfahren, dass sie Jüdin war und ein Großteil ihrer Familie von den Nazis ermordet wurde. "Da wird einem als Deutschem schon anders zumute." Nun steht er auf dem jüdischen Friedhof in Hanau und betrachtet die so genannten Hausmarken auf älteren Grabsteinen: Trauben, Tannen, Rosen, Einhörner sind aus dem Sandstein gehauen. Einige dieser hessenweit einzigartigen Reliefs sind verwittert, kaum noch zu erkennen. Sie sind Zeichen der Familien, der Häuser, denen die Bestatteten angehörten. Dem Haus zur Traube, zum Tannenbaum, zur Rose, zum Einhorn. Seit 1605 diente das Gelände als Friedhof. Der letzte Grabstein wurde 1938 gesetzt. Im selben Jahr brannte das Totenhaus in Hanau nieder, in der Pogromnacht vom 9. zum 10. November.

Die Wiedergabe des Artikels erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Journalistin, Meike Kolodziejczyk von der Frankfurter Rundschau.

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Dieses Thema wird von Referat 2/III bearbeitet.