Hessische Landeszentrale für politische Bildung
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Literatur und Politik: „Wirtschaftskrisen. Geschichte und Gegenwart“

Prof. Dr. Werner Plumpe (links) und Jürgen KaubeProf. Dr. Werner Plumpe (links) und Jürgen Kaube

Zu Beginn wurden Autor, Moderator und Publikum durch den stellvertretenden Direktor und Referatsleiter der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung, Herrn Jürgen Kerwer, begrüßt. Im Anschluss definierte Professor Plumpe zuallererst eine Wirtschaftskrise als eine „Störung der gesamtwirtschaftlichen Ordnung“. Diese müsse jedoch auch von der Bevölkerung wahrgenommen werden und sich durch deutliche Schwankungen mit finanziellen Einschnitten für alle, z.B. Massenarbeitslosigkeit, kennzeichnen.

In der neueren Geschichte gibt es bereits viele Ausprägungen der unterschiedlichsten Wirtschaftskrisen. Beispielsweise hätte eine Agrar- bzw. landwirtschaftliche Krise im 19. Jahrhundert in Irland zu einer realen Knappheit an Lebensmitteln und in der Folge zu einer deutlichen Dezimierung der Bevölkerung geführt. Währenddessen bei der sogenannten „Tulpenkrise“ im 17. Jahnhundert Spekulationen zur Krise geführt hätten. In diesem Fall hätte es also keine tatsächliche Knappheit an Tulpen oder anderen Dingen gegeben. Auch dem Zerplatzen der „Internetblase“ zu Beginn des neu-en Jahrtausends und den damit einhergehenden teils gravierenden wirtschaftlichen Veränderungen lag keine reale Mittelknappheit zugrunde.

Blick ins AuditoriumBlick ins Auditorium

Gerade jenes Spekulationsgeschäft hätte viele der Wirtschaftskrisen in der Neuzeit verursacht. Hier könne man auch, so Prof. Plumpe weiter, auf die erste Weltwirtschaftskrise 1857 verweisen. Damals waren im Zuge von Eisenbahnspekulationsgeschäften in den USA allein in New York über 150 Banken bankrott gegangen. Selbst in dieser Zeit schwappte die geplatzte Spekulationsblase wenige Wochen später nach Europa über, beeinflusste auch die dortigen Märkte und allein in den USA mussten in der Folge dieser zeitlich sehr begrenzten Krise ca. 5000 Unternehmen schließen.

Den großen Unterschied machte ab dem 1. Weltkrieg die staatliche Intervention in solchen Situationen. Die industrielle Entwicklung und die damit steigende Abhängigkeit der Arbeitnehmer an die Unternehmen nicht nur in finanzieller sondern auch sozialer Hinsicht erforderte zwangsläufig auch stärkeren staatlichen Einfluss. Die sich anschließende Weltwirtschaftskrise der 20er Jahre betraf jeden zweiten deutschen Haushalt. Der Staat musste daher direkt in den Markt eingreifen, um die Versorgung dieser Bevölkerungsmassen noch sicher stellen zu können. Bloße Rahmenlinien für die Wirtschaft waren nicht länger ausreichend. Die wohl bedeutendste Persönlichkeit in diesem Zusammenhang stellt der Engländer John Maynard Keynes dar, der mit seiner Idee der temporären staatlichen Intervention eine vollkommen neue Wirtschaftspolitik eröffnete, den Keynesianismus. Obwohl dieser Kurs bis heute von Regierungen genutzt wird, um den Markt temporär zu unterstützen, z. B. durch eine „Abwrackprämie“ oder Lohnsubventionen, bleibt doch das grundsätzliche Dilemma dieser staatlichen Handlung erhalten: Kann diese Art der sehr kostenintensiven Nachfragestimulation die stetig wachsende Staatsverschuldung noch legitimieren, wenn doch Wirtschaftskrisen an sich bis heute nicht verhindert werden können?

Prof. Dr. Werner Plumpe, Jürgen Kaube und Jürgen KerberProf. Dr. Werner Plumpe, Jürgen Kaube und Jürgen Kerber (von links)

Prof. Plumpe ging zum Abschluss seines Vortrages noch auf ein weiteres Phänomen der heutigen Wirtschaftskrisen ein: dem „too big to fail“- Problem. In früheren Zeiten wäre im Rahmen einer Krise auch durch die selbstständige Anpassung der betroffenen Unternehmen an die veränderten Marktbedingungen eine gewisse Marktauslese bzw. -reinigung vonstatten gegangen. Heutzutage sind manche betroffene Unternehmen so groß, dass der Staat sie schlichtweg nicht bankrott gehen lassen kann und so auch unangepassten Firmen Hilfe zur Verfügung stellt.

Zum Abschluss der sehr gelungenen Veranstaltung nahm das Publikum, darunter auch viele Schüler, sehr rege von Möglichkeit Gebrauch, dem Autor und dem Moderator Fragen zu stellen.

Zuständiges Referat

Dieses Thema wird von Referat 2/V bearbeitet.