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Literatur und Politik
Wolfgang Benz: Gewalt im November 1938.
Die „Reichskristallnacht“: Initial zum Holocaust

Wiesbaden, 11. April 2019 – Der bekannte Historiker Wolfgang Benz stellte an diesem Abend im Gespräch mit Stefan Schröder, Chefredakteur des Wiesbadener Kuriers, sein 2018 erschienenes Buch „Gewalt im November 1938. Die „Reichskristallnacht“: Initial zum Holocaust“ in der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung (HLZ) vor. Die Begrüßung übernahm vor zahlreichen Gästen Jürgen Kerwer, der die Vortragsreihe bei der HLZ verantwortet.

Stefan Schröder im Gespräch mit Wolfgang Benz

Selten habe ihn ein Sachbuch so gepackt wie dieses, mit diesen Worten stieg Stefan Schröder in das Gespräch mit Wolfgang Benz ein. Zunächst verwies der Moderator auf die umfassende Publikations- und Lehrtätigkeit von Wolfgang Benz als ausgewiesenen Fachmann in den Themenfeldern Nationalsozialismus, Antisemitismus, Zeitgeschichte und der bundesrepublikanischen Geschichte. Der Autor arbeitete u.a. am Institut für Zeitgeschichte in München (über 20 Jahre), lehrte an der Technischen Universität Berlin und leitete das Zentrum für Antisemitismusforschung in Berlin. Als emeritierter Professor sei er in vielen Gremien vertreten und mische sich ein, wie Stefan Schröder weiter berichtete.

Auf die Frage, warum er das Buch geschrieben habe, antwortete Wolfgang Benz, dass er sich seit über 30 Jahren mit dem Thema beschäftige. Seine Zielsetzung mit dem Buch sei es gewesen aufzuzeigen, wie aus friedlichen Bürgern, Nachbarn und Freunden ein reißender Mob wurde, der Schaufenster zerschlug, Synagogen abbrannte und Juden ermordete. Die Juden waren in diesen Tagen (7.-10. November 1938) „vogelfrei“, von staatlicher Seite aus genehmigt. 30.000 gut situierte Männer wurden in Konzentrationslager verschleppt. Die Freilassung erfolgte nur durch teuer erkaufte Ausreiseanträge. Mehr als 1.000 jüdische Bürgerinnen und Bürger kamen in diesen Tagen und in den Konzentrationslagern ums Leben.

Die von den Nazis inszenierte Aktion sollte die Bevölkerung aufstacheln und bildete damit den Übergang zur Ausübung von brachialer Gewalt den Juden gegenüber. Die Bürgerinnen und Bürger wurden für ihre Verbrechen nicht belangt und gingen straffrei aus. Danach wurde alles von oben zurückgepfiffen. Berichterstattung gab es keine darüber. Ab dem 1. Januar 1939 wurde den Juden verboten, Geschäfte und Unternehmen zu betreiben. Vorbereitet worden war der systematische Ausschluss der jüdischen Bürgerinnen und Bürger aus der deutschen Gesellschaft durch die Nürnberger Gesetze von 1935, die bereits Berufsverbote und Verbote von Mischehen u.a. festgeschrieben hatten. Die Novemberpogrome seien (zusammen mit den Nürnberger Gesetzen) der Scheitelpunkt der Judenfrage gewesen und bedeuteten den Beginn des Holocaust, so Wolfgang Benz zur Einordnung.

Er habe viel Material angehäuft in den letzten Jahren und könnte mehrere Bände über die lokale Arisierung und Übernahmen von Geschäften und Besitzwechseln veröffentlichen. Viele Opfer hätten über die Ereignisse im November 1938 geschrieben. Diese Aufschriebe und Berichte wurden in dem von Dr. Alfred Wiener und Dr. David Cohen 1933 gegründeten Jewish Central Information Office (JCIO) gesammelt und dokumentiert. Auch die rund 100 Verfahren nach 1945, die die Ereignisse im November 1938 auf lokaler Ebene aufarbeiteten, hätten zahlreiches Material geliefert. Gerade die Fälle auf lokaler Ebene würden das Buch auch so emotional machen, wie der Autor dazu anmerkte.

Beim Stichwort Antisemitismus, dem „ältesten Vorurteil in der Welt“, legte Wolfgang Benz dar, dass es dazu unterschiedliche Deutungen gebe und eine Definition schwierig sei. Die Grundlagen des Antisemitismus in Deutschland im 19. Jahrhundert seien u.a. durch Heinrich von Treitschke mit seinem Aufsatz „Die Juden sind unser Unglück“ 1879 und dem anschließenden Berliner Antisemitismusstreit, der den Antisemitismus im Bürgertum salonfähig gemacht hatte, gelegt worden. Darin warnte Treitschke auch vor einer Flut von Juden aus dem Osten. Ähnlich wie heute, nur dass nun vor den Muslimen gewarnt werde. Der Antisemitismus habe in Deutschland im Übrigen in den letzten Jahren nicht zugenommen trotz der zahlreichen muslimischen Flüchtlinge. Es gäbe allerdings eine höhere Sensibilisierung in der Gesellschaft bei dieser Thematik.

Die Zuhörerinnen und Zuhörer

Stefan Schröder sprach den Autor im Verlaufe des Gesprächs auch auf einen Text von Alexander Gauland zum Thema Populismus an, der angeblich Bezug nehmen würde auf eine Hitlerrede von 1933. Er habe, so der Autor, bei seiner Quellenkritik tatsächlich zahlreiche Überschneidungen gefunden. Gauland habe sich in seinem Gastbeitrag in der FAZ teilweise an einer Hitlerrede im November 1933 im Dynamowerk in Berlin-Siemensstadt angeschmiegt.

Auf die abschließende Frage von Stefan Schröder, wie man das als Forscher aushalte, sich dauerhaft mit solch schwierigen Themen auseinanderzusetzen und ob sich dabei auch das Menschenbild verändere, antwortete Wolfgang Benz, dass sich das Menschenbild in der Tat geändert habe. Allerdings würde er sich nicht nur mit dem Nationalsozialismus und Antisemitismus beschäftigen, sondern auch mit der Weimarer Republik, der Nachkriegszeit und der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.

Die anschließenden Fragen aus dem Publikum bezogen sich u.a. auf den Antisemitismus (hat sich dieser verändert? Faschismus = Antisemitismus), auf den Begriff Reichskristallnacht, die Resonanz im Ausland auf die Novemberverbrechen und den Verfall der Sprache in diesem Kontext.

Zum Antisemitismus meinte Wolfgang Benz, dass dieser neu aufgeladen wurde durch Feindseligkeit gegenüber Israel und seiner Nahostpolitik. Es gäbe hier einen deutlichen Unterschied zwischen dem historischen Antisemitismus und dem gegenwärtigen.

Faschismus bedeutete in Deutschland und Italien auch gleichsam Antisemitismus. In Bulgarien oder Rumänien allerdings sei es anders gelagert gewesen.

Zum Begriff Reichskristallnacht erklärte der Autor, dass dieser aus dem Volk käme und keine Nazipropaganda sei. Er vermeide stattdessen den Begriff Reichspogromnacht, um bewusst nicht die Nazisprache zu bedienen.

Die Empörung im Ausland auf die Reichskristallnacht sei groß gewesen, allerdings interessierte das die Nazis schon nicht mehr. Ganz im Gegensatz zum Boykottaufruf jüdischer Geschäfte im April 1933, der dann schnell wieder zurückgenommen wurde.

Auf den Verfall der Sprache eingehend, meinte Wolfgang Benz, dass dieser Verfall schon Jahre vorher eingesetzt hatte durch rund 600 Traktate Ende des 19. Jahrhunderts, u.a. von Chamberlain oder Treitschke.

Wolfgang Benz steht Rede und Antwort

Mit viel Beifall wurden Wolfgang Benz und Stefan Schröder verabschiedet. Die Gäste konnten im Anschluss das Buch von Wolfgang Benz „Gewalt im November 1938“ mitnehmen und signieren lassen.

Der Band kann bei der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung auch hier bestellt werden.

 

Die Veranstaltung zum Nachhören

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