Hessische Landeszentrale für politische Bildung
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Sonderveranstaltung: Wälder – Realität und Perspektive!?

Wiesbaden, 29. November 2018 – An diesem Abend lud die Hessische Landeszentrale für politische Bildung (HLZ) zu einer Sonderveranstaltung zum Thema „Wälder – Realität und Perspektive!?“ in die Taunusstraße ein. 

Zu Gast waren Manfred Ladwig, Fernsehredakteur in der Umweltredaktion des SWR, Klaus Wiegandt, Vorstand der Stiftung Forum für Verantwortung, Michael Gerst, Leiter des Landesbetrieb HessenForst und Lars Hoffmann, Pressesprecher von FSC Deutschland (Forest Stewardship Council). Moderiert wurde die Veranstaltung von Joachim Wille, Umwelt-Experte der Frankfurter Rundschau.

Anlass für die Sonderveranstaltung war die erst vor kurzem auf ARTE gesendete Dokumentation von Manfred Ladwig „Die Ausbeutung der Urwälder – Kann ein Öko-Siegel die Forstindustrie stoppen?“. 

Nach der Begrüßung durch Jürgen Kerwer, dem ständigen Vertreter des Direktors, wurde zu Beginn exklusiv eine 20-minütige Zusammenfassung dieser ARTE-Dokumentation gezeigt. Im Anschluss daran entspann sich eine kontroverse Diskussion über die Rolle des FSC im Kampf gegen die Abholzung der Regenwälder. Manfred Ladwig vertrat die Position, dass der FSC seine Zielsetzung von vor 25 Jahren, die Abholzung der Regenwälder zu stoppen, verfehlt habe. Dem FSC sei es nicht gelungen, dies zu verhindern. Als Beispiele nannte er Kambodscha, wo der größte Waldverlust in den letzten 20 Jahren zu verzeichnen sei. Bei seinen Recherchen vor Ort, z.B. im Kongo, wollte er mit der Firma CIB (Congolaise Industrielle des Bois), die mit dem FSC zusammenarbeitet, ein Interview führen. Dies wurde ihm allerdings verweigert. Weder Firmen noch Kontrolleure, die auch mit dem FSC zu tun hätten, hätten mit ihm sprechen wollen. Neben diesen Beeinträchtigungen verwies Manfred Ladwig auch auf die Irreführung bei der Verwendung des FSC-Siegels. Die meisten Produkte, die ein FSC-Siegel tragen würden, rund 80 bis 90 Prozent, hätten den Hinweis Mix. D.h. neben dem zertifzierten FSC-Holz würden andere Hölzer unbekannter Herkunft dazu gemischt. Sein Fazit lautete: Die Regenwälder könne man nicht durch Siegel, sondern nur durch Gesetze retten.

Lars Hoffmann, der Pressesprecher von FSC Deutschland, widersprach größtenteils den Darstellungen von Manfred Ladwig und meinte, dass die Dokumentation sehr einseitig sei. Er verwies darauf, dass der FSC rund 210 Mio. Hektar Regenwald mittlerweile zertifiziert habe, rund 11 Prozent, räumte aber ein, dass man hier noch Nachholbedarf hätte. In Kambodscha sei der FSC gar nicht vertreten, worauf Manfred Ladwig konterte, aber in Vietnam, wohin die in Kambodscha abgeholzten Tropenbäume gelangten und z.T. auch mit FSC-Siegel versehen würden. Lars Hoffmann betonte weiterhin, dass hinter dem FSC-Siegel ein Schutzkonzept stünde. Er sprach von einer selektiven Forstwirtschaft im Regenwald mit der Zielsetzung, diese nicht zu zerstören, sondern kontrolliert zu nutzen und dort wieder aufzuforsten, wo Bäume gefällt würden. Der Wald solle als Ökosystem erhalten bleiben. Auf den FSC-Mix eingehend erläuterte Lars Hoffmann, dass dies der Wunsch der Holzindustrie gewesen sein, die zu einem Drittel im Verein des FSC vertreten und stimmberechtigt sei.

Manfred Ladwig erwiderte, dass er die Reaktion von FSC auf seinen Film schwach fände. Er hätte sich eine inhaltliche Auseinandersetzung zu seinen Recherchen vor Ort gewünscht.

Bezugnehmend auf die Diskussion um das FSC-Siegel betonte Klaus Wiegandt, dass das FSC-Siegel generell gut sei und es gegenwärtig nichts Besseres gäbe. Allerdings reiche das nicht, um die Regenwälder zu schützen. Die Politik sei hier gefragt und in der Pflicht. Diese müsse endlich handeln! Die Schwellenländer müssten mehr Unterstützung erhalten dafür, dass sie die Regenwälder schützen und nicht abholzen lassen. Er mahnte z.B. auch an, dass in Indonesien (Sumatra, Borneo) die Regenwälder sehr stark gefährdet seien. Der Klimavertrag von Paris reiche nicht aus. Das Klimaziel, die Erderwärmung auf 2 Grad einzudämmen, könne aufgrund der gegenwärtigen Entwicklung weltweit nicht erreicht werden. Realistischer sei eine Erderwärmung auf über 3 Grad. 

Aus seiner Sicht sei es deswegen dringend notwendig, ein weltweites Aufforstungsprogramm voranzubringen, um die Erderwärmung einigermaßen im Zaum zu halten. Es müssten rund 350 Milliarden Bäume gepflanzt werden auf 350 Millionen Hektar Fläche. Dafür müssten 150 Milliarden Euro von der Weltgemeinschaft aufgebracht werden, wovon 100 Milliarden für die Aufforstung und 50 Milliarden an die Schwellenländer gezahlt werden müssten. Dieses Aufforstungsprogramm würde vor allem in den Schwellenländern Arbeitsplätze schaffen und eine Bio-Ökonomie etablieren.

Was die Folgen des Klimawandels für den Wald konkret bedeuteten, erläuterte Michael Gerst von HessenForst. Er verwies zum einen auf die Stürme im Januar und März 2018, die zu einem überproportionalen Verlust an Bäumen führte. Zudem hätte der vergangene Sommer, ein Jahrhundertsommer wie 2003, den Wäldern in Hessen aufgrund des Wassermangels extrem zugesetzt. Fichten seien dadurch stark gefährdet und würden vor allem durch den Borkenkäfer bedroht. Die Buchen würden einiges mehr aushalten im Vergleich dazu. Die Wälder in Hessen würden insgesamt aber gut dastehen. Die Hauptaufgaben für den Wald sieht er darin, den Bestand zu stabilisieren, kein Risiko einzugehen und flexibel bei der Aufforstung zu agieren und die Waldnutzung im Einklang mit dem Ökosystem inklusive der Jagd zu betreiben.

Zum Schluss bat der Moderator die Experten um eine kurze Einschätzung. Manfred Ladwig antwortete skeptisch und meinte, dass wir den Regenwald nicht retten werden. Michael Gerst betonte, dass wir durch das weltweite Aufforstungsprogramm es schaffen werden, denn rund 90 Milliarden Bäume seien schon gepflanzt oder zumindest schon in Planung. Jeder einzelne sei hier auch gefragt, ökologisch zu handeln, z.B. Holz aus der Region auch bei den Möbeln zu beziehen. Lars Hoffmann meinte, dass es nicht eine Lösung gäbe. Es müsste gleichzeitig auf mehreren Ebenen gehandelt werden, um den Wald als Rohstoff und Lebensgrundlage zu erhalten. Klaus Wiegandt schließlich resümierte, dass der Wald überleben werde. Wir als Verbraucher müssten allerdings unseren Teil dazu beitragen. Dann können wir es schaffen!

Bei der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung können zahlreiche Publikationen zum Klimawandel bestellt werden u.a.