Hessische Landeszentrale für politische Bildung
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Prof. Dr. Julia Lehner: Schwieriges Erbe Zeppelinfeld

Wiesbaden, 25. Oktober 2018 – Prof. Dr. Julia Lehner, Kulturdezernentin der Stadt Nürnberg, sprach in der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung über das „Erhalten! Wozu? Perspektiven für eine zukunftsgerichtete Vermittlungsarbeit auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände in Nürnberg“.

Zuvor führte der Direktor der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung, Dr. Alexander Jehn, in die Architektur des Zeppelinfeldes ein.
Dr. Jehn wies daraufhin, dass dieses Gelände bzw. weitere Areale rund um den Dutzendteich bereits in den Jahren und Jahrzehnten vor der NS-Zeit als Örtlichkeit für Feste und Veranstaltungen sowie für Freizeit und Erholung genutzt wurden. Nach der Machtübernahme 1933 legte Adolf Hitler fest, dass künftig in Nürnberg alle Reichsparteitage der NSDAP stattfinden sollten. Nachdem zunächst die Stadt Nürnberg von Hitler für die Planungen beauftragt worden war, übernahm Albert Speer Ende 1934 die Federführung für die Umgestaltung des Geländes. Speer richtete die Architektur auf die Herrschenden aus, wie Dr. Jehn betonte. Dabei dienten die 34 flankierenden Türme mit den 204 Fahnen und dem bis zu 250.000 Menschen fassenden Aufmarschplatz als Rahmen, um im Zusammenspiel von Fahnen und Illuminationen, z. B. dem Lichtdom, die Besucher zu fesseln und zu faszinieren. Das in Nürnberg angewandte Baukastenprinzip aus Lichtarchitektur, Fahnenmasten und Aufmarschplatz hatte Speer übrigens bereits in Berlin-Tempelhof für die Feiern zum 1. Mai erfolgreich ausprobiert, wie Dr. Jehn ergänzte.
Der letzte Reichsparteitag auf dem fertiggestellten Zeppelinfeld fand 1938 statt. Die geplanten weiteren Baumaßnahmen wurden nie beendet und mit Kriegsbeginn 1939 eingestellt.

Dr. Alexander Jehn bei seiner Einführung in die Architektur des Zeppelinfeldes

Nach der Einführung ging Frau Prof. Dr. Julia Lehner, Kulturdezernentin der Stadt Nürnberg, auf die Bedeutung der Stadt für die Nationalsozialisten ein. Nürnberg symbolisierte mit der mittelalterlichen Altstadt und der Burg die „teutsche Stadt“ schlechthin, die sie für ihre Propagandazwecke nutzen wollten. Diese Instrumentalisierung  in der NS-Zeit möchte die Stadt Nürnberg mit ihren Maßnahmen und Aktivitäten entgegenwirken. Zudem solle die mit dieser nationalsozialistischen Ideologisierung einhergehende Mystifizierung der Bauten auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände dekonstruiert werden.
Dazu trug bereits die Nutzung des Geländes nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs durch die Amerikaner und die deutsche Bevölkerung bei. Die US-Soldaten spielten Baseball, die Gewerkschaften feierten den 1. Mai, Großveranstaltungen religiöser Gruppen fanden ebenso statt wie der Sudetendeutsche Tag, Motorrad- und Autorennen oder Konzerte u.a. mit Bob Dylan, den Rolling Stones, Lake, Tina Turner oder Thin Lizzy.
Die Nürnbergerinnen und Nürnberger hätten sich das Gelände auf dem Weg des zivilgesellschaftlichen Empowerments wieder „zurückgeholt“.
Die wissenschaftliche Aufarbeitung der Vergangenheit begann in den 1980er Jahren, wie Frau Prof. Lehner erläuterte. Mit der Eröffnung des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände im Kongressbau 2001 hätten Besucher seitdem die Möglichkeit, sich das Gelände zu erschließen. Geplant wurde das Dokumentationszentrum von dem österreichischen Architekten Günther Domenig, dessen Pfeilkonstruktion die zeitgenössische Architektur markant kontrastiert.
Neben Besucherinnen und Besuchern aus Deutschland kämen die meisten Gäste aus den USA, England und Österreich und würden das Gelände vor allem aus historischem Interesse aufsuchen. Derzeit lägen die Besucherzahlen im Dokumentationszentrum bei rund 275.000, wie Frau Prof. Lehner weiter ausführte.
Die für die Zukunft anstehende Hauptaufgabe sieht die Kulturdezernentin in der weiteren Vertiefung der Bildungs- und Vermittlungsarbeit am historisch einmaligen Ort. Die Voraussetzung für diese pädagogische Aufgabe sei der sichere Aufenthalt und Erhalt der bestehenden Baulichkeiten. Denn an vielen Stellen bröckele es, bestehe Einsturzgefahr oder Bereiche müssten abgezäunt werden. Ziel sei es, den Zustand so zu belassen, wie er sich derzeit darstelle, also nichts zu rekonstruieren, sondern zu sichern und auszubessern. Das Feld soll allgemein begehbar gemacht, Sichtachsen wiederhergestellt und Transparenz geschaffen werden. Denn viele Besucherinnen und Besucher hätten Schwierigkeiten, sich vor Ort die Dimensionen des Geländes und seiner Bauten räumlich zu erfassen.
Diese ganzen Instandhaltungsarbeiten würden allerdings 85,1 Millionen Euro kosten. Die Unterstützung durch den Bund sei gewährleistet, da dies als nationales Erbe und gemeinsame Aufgabe gesehen werde. Man sei insgesamt auf einem guten Wege, die notwendigen Mittel für die Erhaltung des jetzigen Zustandes des Zeppelinfeldes zu erlangen, so Frau Prof. Lehner abschließend.

Frau Prof. Dr. Julia Lehner und Frau Dr. Martina Bauernfeind bei der Beantwortung von Fragen

Eingehend auf die folgenden Fragen aus dem Publikum betonte Frau Prof. Lehner, dass das Zeppelinfeld keine „Gedenkstätte“ sei, sondern ein Ort des Erinnerns, der Information und der Vermittlung sei.  Mit randalierenden Fußballfans oder rechten Gruppierungen, die das Gelände missbrauchen könnten, gäbe es keine signifikanten Probleme.
Außerdem ging sie bei der Beantwortung der Fragen, wie auch bereits in ihrem Vortrag, auf das Memorium Nürnberger Prozesse ein, das im Westen von Nürnberg liegt. Der Schwurgerichtssaal 600 sei ebenso ein wichtiger Ort des Erinnerns und der Vermittlung, der als museale Einrichtung heute für Veranstaltungen, Kongresse, aber auch weiterhin für Gerichtsprozesse genutzt werde. Nürnberg wolle nicht nur den mahnenden Blick zurück, sondern mit Blick auf künftige Generationen die Frage beantwortet wissen, was uns die Örtlichkeiten für Gegenwart und Zukunft sagen. Der Bogen reiche von den Nürnberger Prozessen bis zum Internationalen Gerichtshof in Den Haag und dessen Bedeutung für die heutige Völkergemeinschaft.

Weitere Informationen zum Zeppelinfeld sind hier zu finden.