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Literatur und Politik
Freya Klier: Wir letzten Kinder Ostpreußens

Wiesbaden, 8. Februar 2018 – Freya Klier, Schauspielerin, Theater- und Filmemacherin und Autorin, sprach an diesem Abend über ihr Buch „Wir letzten Kinder Ostpreußens“ vor rund 120 Gästen in der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung. Die Moderation übernahm Mechthild Harting, die in der Rhein-Main-Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über die Region und die Frankfurter Kommunalpolitik schreibt.

Nach der Begrüßung durch Jürgen Kerwer, dem Programmverantwortlichen der Reihe „Literatur und Politik“, stellte Mechthild Harting die Autorin kurz vor. Freya Klier wurde 1950 in Dresden geboren, verbrachte ihre Kindheit zeitweise in einem Kinderheim, versuchte 1968 vergeblich aus der DDR zu fliehen und musste danach 15 Monate ins Gefängnis. 1980 zählte sie zu den Mitbegründern der Friedensbewegung. 1988 wurde sie ausgebürgert.

Freya Klier liest aus ihrem Buch

Zu Beginn riss die Autorin die Schicksale der sieben Kinder an, die in ihrem Buch ihre bewegende Geschichte erzählen von 1944 bis zur heutigen Zeit. Es sind die Schicksale von vier Mädchen und drei Jungen und ihren Familien: Doris Meyer aus Königsberg (geb. 1937), Karla Browarzyck aus Königsberg (geb. 1938), Roswitha-Anne Browarzyck aus Königsberg (geb. 1943), Brigitte Possienke aus Schuditten (geb. 1940), Günter Kropp aus Stallupönen (geb. 1933), Siegfried Matthus aus Mallenuppen (geb. 1934) und Michael Wieck aus Königsberg (geb. 1928).

Freya Klier las anschließend aus mehreren Kapiteln des Buches vor, die die Situationen der Kinder und ihrer Familien vor Beginn des russischen Einmarsches im Sommer/Herbst 1944 (Die Störche ziehen/Der Feuersturm), beim Einmarsch der Russen 1945 (Sie sind da), in der Zeit um 1948 (Die letzten Kinder Ostpreußens) und in der Zeit nach der Wiedervereinigung 1990 (Sehnsuchtstouristen) schildern.

Freya Klier und Mechthild Harting im Gespräch

Mechthild Harting merkte zu den vorgelesenen Passagen an, dass die Menschen so viel Leid hätten erfahren müssen, dabei auch „Zufälle und Überraschungen eine Rolle gespielt“ und auch immer wieder Mitleid das Schicksal der Familien beeinflusste hätten, als z.B. ein russischer Offizier erlaubte, die Oma bei der Familie zu belassen.

Für die Lektüre von „Wir letzten Kinder Ostpreußens“ empfahl die Journalistin, man solle sich am besten die Namen der sieben Kinder und ihrer Geschwister notieren, um sich das Lesen zu erleichtern.

Auf die nachfolgende Frage von Mechthild Harting, warum sie das Buch geschrieben habe, verwies Freya Klier auf ihren Film von 1993 „Verschleppt ans Ende der Welt“, der das Schicksal von deutschen Frauen in russischen Arbeitslagern aufarbeitete. Damals bekam sie in der Öffentlichkeit dafür wenig Aufmerksamkeit, da aus ihrer Sicht „das Thema im Westen tabuisiert war“. Unterstützung bekam sie u.a. von Roman Herzog und den Landfrauen.

Dieser Film und die Reaktionen darauf waren für sie Ansporn und Motivation zugleich, sich weiter mit der Thematik zu beschäftigen. Durch Recherchen und zahlreiche Gespräche u.a. mit Flüchtlingskindern, reifte der Gedanke, ein Buch zu schreiben, das die Schicksale und Lebenswege dieser Kinder aufzeigen sollte.

Blick aus dem Publikum

Die Entstehung des Buches nahm mehrere Jahre in Anspruch. 1993/94 startete sie mit den ersten Interviews. Schwierig war es mit den Kindern von damals ins Gespräch zu kommen, denn diese Generation hatte nicht gelernt, darüber zu reden bzw. verdrängte das Erlebte, wie Freya Klier betonte.
Die Aufarbeitung brauche auch Zeit und Abstand wie sie damals erfuhr.
Mit insgesamt 38 Flüchtlingskindern hatte sie Kontakt und pflegte einen intensiven Austausch mit ihnen.

Drei Punkte seien für sie wichtig gewesen beim Schreiben dieses Buches. Zum einen den „betroffenen Menschen Genüge zu tun“ und ihre Schicksale festzuhalten. Zum anderen über ein Thema zu sprechen, das in der Öffentlichkeit nicht oder wenig Beachtung fand und damit auch als „Ausdruck des Protestes“. Und drittens um einen wichtigen Teil der deutschen Geschichte zu dokumentieren und ein kollektives Gedächtnis für Ostpreußen bzw. generell für diese Übergangszeiten vor und nach dem Krieg zu bewahren.

Blick ins Publikum

Unter Einbeziehung des Publikums kam u.a. die Frage auf, ob eine Versöhnung zwischen Russland und Deutschland möglich sei. Freya Klier antwortete, dass aus ihrer Sicht auf staatlicher Ebene dies seit der Machtübernahme von Putin und dem ausgeprägten russischen Nationalismus äußerst schwierig sei, die Vergangenheit aufzuarbeiten. Archive beispielsweise, die in Russland z.Zt von Gorbatschow und Jelzin geöffnet waren, seien nun nicht mehr zugänglich.

Aus dem Publikum kamen allerdings ermutigende Beiträge, die von positiven Begegnungen zwischen Deutschen und Russen auf privater und institutioneller Ebene in Kaliningrad und St. Petersburg berichteten.

Als Leitmotiv ihres Handelns gab sie den Zuhörern ihr „11.“ Gebot mit auf den Weg: Du sollst dich erinnern. Auch wenn das Erinnern manchmal schwerfalle.

Zum Abschluss konnten sich die Gäste das vorgestellte Buch mitnehmen und von der Autorin signieren lassen.

Freya Klier beim Signieren

Die Veranstaltung zum Nachhören