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Literatur und Politik
Antje Dertinger: Ein ermutigendes Frauenleben: Elisabeth Selbert

Wiesbaden, 26. April 2018 – Antje Dertinger, Journalistin und Buchautorin, stand an diesem Abend in der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung Rede und Antwort zu ihrer Publikation „Ein ermutigendes Frauenleben: Elisabeth Selbert“. Die Moderation übernahm die Ulla Lessmann, die als Schriftstellerin und Autorin kulturelle, gesellschafts- und sozialpolitische Themen aufgreift.

Antje Dertinger und Ulla Lessmann im Gespräch

Nach der Begrüßung durch Jürgen Kerwer, Programmverantwortlicher der Reihe „Literatur und Politik“, stellte Ulla Lessmann die Autorin kurz vor.
Antje Dertinger hat sich mit vergessenen Frauen, Sozialdemokratinnen oder Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfern beschäftigt und dabei zahlreiche Porträts u.a. im Kontext der Geschichte der Arbeiterinnenbewegung und der frühen Geschichte der Bundesrepublik Deutschland veröffentlicht.

Antje Dertinger lernte, wie sie zu Beginn des Gesprächs erzählte, Elisabeth Selbert selbst noch vor rund 40 Jahren kennen, als sie an einem Buchprojekt über Frauen in der Zeit zwischen 1848 und 1948 arbeitete. Bis zu diesem Zeitpunkt und noch bis Ende der 1980er Jahre war Elisabeth Selbert als eine der wenigen Mütter des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland in der öffentlichen Wahrnehmung allerdings quasi vergessen.

Antje Dertinger ging anschließend auf die Zeit und ihre Umstände ein, in der Elisabeth Selbert hineingeboren wurde und aufwuchs. Frauen hatten 1896 weder ein Wahlrecht, noch ein Vereinigungs- oder Versammlungsrecht oder durften auch keine Universitäten besuchen. Erst kurz vor dem Ersten Weltkrieg bzw. am Ende des Krieges sollte sich das ändern.

Als junge Frau und Mutter von zwei Kindern holte Elisabeth Selbert das Abitur mit 26 Jahren nach. Anschließend studierte sie Jura (das Studium war erst seit 1908 in Preußen für Frauen erlaubt) an den Universitäten in Marburg (dort war sie die einzige studierende Frau) und Göttingen und schloss im Rekordtempo nach drei Jahren das erste juristische Staatsexamen ab. Nach dem zweiten Staatsexamen erhielt sie 1934 die Zulassung als Anwältin. Während der nationalsozialistischen Zeit pflegte sie den Kontakt zu den Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten in ihrem Umfeld und versuchte durch kleine Widerstandsleistungen im Alltag dem Regime zu trotzen.

Blick auf das Publikum

Auf die Zwischenfrage von Ulla Lessmann, wie denn das Verhältnis zu ihrer Familie war, betonte Antje Dertinger, dass Elisabeth Selbert von den Eltern, von den Geschwistern und vor allem auch von ihrem Mann bei ihren Vorhaben immer voll unterstützt und gefördert wurde.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs berief die amerikanische Militärbehörde Elisabeth Selbert in die Kasseler Stadtverwaltung, wo sie als Verbindungsperson zu den Vertretern der Besatzungsmächte tätig war. Als Rechts- und Staatswissenschaftlerin wurde sie bei der Wahl zur verfassungsberatenden Landesversammlung als SPD-Vertreterin am 30. Juni 1946 gewählt. In dieser Landesversammlung beschäftigte sie sich schwerpunktmäßig mit der Neugestaltung der Rechtspflege und der Wirtschaftsordnung.

Zwei Jahre später wurde sie von der SPD als Vertreterin zusammen mit Friederike Nadig in den Parlamentarischen Rat berufen. Allerdings wurde sie nicht von ihrer SPD in Hessen nach Bonn entsandt, sondern von der niedersächsischen SPD, in der sich besonders Kurt Schumacher für ihre Berufung eingesetzt hatte, wie Antje Dertinger hervorhob.

Der Parlamentarische Rat setzte sich aus 61 Männern und 4 Frauen, neben Elisabeth Selbert zählten Helene Wessel, Helene Weber und Friederike Nadig dazu, zusammen und erarbeitete von 1948/1949 in Bonn das Grundgesetz. Im Parlamentarischen Rat war Elisabeth Selbert u.a. in den Ausschüssen für den Verfassungsgerichtshof und für die Rechtspflege.
Im Laufe der nächsten Wochen wurde für sie allerdings die Gleichberechtigung von Frauen und Männern immer wichtiger und zum zentralen Thema. Sie wollte über die Formulierung in der Weimarer Verfassung – „Männer und Frauen haben grundsätzlich dieselben staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten“ – hinauskommen und jegliche Einschränkungen „ohne Wenn und Aber“ weglassen, wie Antje Dertinger weiter ausführte. Im Parlamentarischen Rat gab es allerdings zunächst große Widerstände, z.B. auch vonseiten Theodor Heuss‘. Erst durch zunehmenden Druck von außen und durch die Hartnäckigkeit von Elisabeth Selbert veränderte sich die Einstellung im Parlamentarischen Rat dazu. Schließlich wurde am 18. Januar 1949 im Parlamentarischen Rat der Artikel 3 des Grundgesetzes festgelegt. In Absatz 2 von Artikel 3 stand nun die von Elisabeth Selbert geforderte Formulierung: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“
Damit hatte sie sich trotz vieler Widerstände mit ihrer Forderung durchgesetzt und die Grundlage gelegt für die Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern auf den verschiedensten Feldern in den folgenden Jahrzehnten.

Blick aus dem Publikum

Ulla Lessmann wollte im weiteren Verlauf des Gesprächs von der Autorin wissen wie Elisabeth Selbert denn zu charakterisieren sein. Antje Dertinger antwortete darauf, dass sie eine „selbstbewusste Frau war und einen hohen Anspruch an sich selbst stellte“. Das Jurastudium hatte sie bewusst ausgewählt, um sich zum einen Wissen anzueignen und zum anderen später im Beruf als Juristin Einfluss in der Gesellschaft nehmen zu können.

Auf diese Frage ging auch Susanne Selbert, die Enkelin von Elisabeth Selbert, als Gast an diesem Abend ein. Sie ergänzte, dass ihre Großmutter eine „kluge Frau“ und eine „ernsthafte Persönlichkeit“ war, die sich für eine Sache engagieren konnte und wollte, ohne sich selbst dabei in den Vordergrund zu rücken.

In der anschließenden regen Diskussion mit dem Publikum ging es vor allem um Gleichberechtigungsfragen von Frau und Mann heute und in der Vergangenheit. Die Autorin, die Moderatorin und Susanne Selbert wiesen dabei auf weiterhin bestehende Ungleichheiten von Frau und Mann bzw. auch auf deren Folgen, u.a. bei der Altersarmut oder Lohngerechtigkeit, hin.

Zum Abschluss appellierte Susanne Selbert an das Publikum und hier besonders an die jüngeren Frauen ganz im Sinne ihrer Großmutter, sich für die erkämpften und errungenen Rechte der Frau einzustehen und auch nach einer Familiengründung nicht nachzulassen.

Nach diesem spannenden und diskussionsfreudigen Verlauf konnte sich das Publikum die von der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung bereitgestellte Broschüre „Antje Dertinger: Ein ermutigendes Frauenleben: Elisabeth Selbert“ von der Autorin und Susanne Selbert signieren lassen.

Susanne Selbert erzählt über ihre Großmutter

Die Veranstaltung zum Nachhören