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Literatur und Politik
Claus-Jürgen Göpfert/Bernd Messinger: Das Jahr der Revolte: Frankfurt 1968

Wiesbaden, 30. August 2018 – Bernd Messinger und Claus-Jürgen Göpfert stellten in der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung ihr Buch „Das Jahr der Revolte: Frankfurt 1968“ vor. Die Moderation am Abend übernahm Stefan Schröder, Chefredakteur des Wiesbadener Kuriers.

Jürgen Kerwer, Programmverantwortlicher der Reihe „Literatur und Politik“, begrüßte die zahlreichen Gäste mit einem Zitat von Matthias Beltz:
„Parmesan und Partisan. Wo sind sie geblieben. Partisan und Parmesan. Alles wird zerrieben.“
Anschließend übergab er Stefan Schröder das Wort, der zunächst die beiden Autoren kurz vorstellte. Bernd Messinger, aus dem Hintertaunus stammend, studierte u.a. bei Jürgen Habermas, war Studentenvertreter im AStA der Frankfurter Goethe-Universität, später Landtagsabgeordneter der Grünen, Vize-Präsident im Hessischen Landtag und Büroleiter der damaligen Oberbürgermeisterin von Frankfurt, Petra Roth. Claus-Jürgen Göpfert, ein echter Wiesbadener, der am liebsten zu Fuß unterwegs ist und auch gerne mal einen Hut trägt, arbeitet als Journalist seit 1985 für die Frankfurter Rundschau und leitet dort die Ressorts Frankfurt und Rhein-Main. Außerdem schreibt er „hervorragende Porträts“, wie Stefan Schröder hervorhob.

Stefan Schröder im Gespräch mit Claus-Jürgen Göpfert und Bernd Messinger

Bei der ersten Frage wollte Stefan Schröder von den beiden Autoren wissen, was denn das Jahr 1968 ausgemacht habe. Bernd Messinger betonte, dass „1968 keine Revolution war“. Es war eher „eine Revolte, ein Ausbrechen aus einem (kulturellen) Gefängnis“ und wir „hörten Stones und Doors statt das knallrote Gummiboot“, so Messinger weiter.
Claus-Jürgen Göpfert fügte hinzu, dass 1968 „wie eine Befreiung war“. Und zwar in verschiedenen Milieus, an der Universität, in der katholischen Kirche oder bei den Jesuiten.

Auf die nächste Frage von Stefan Schröder, was denn das Besondere in Frankfurt 1968 war, antwortete zunächst Claus-Jürgen Göpfert. In Frankfurt hätte es 1968 „nicht nur eine politische Bewegung gegeben, sondern auch eine kulturelle“, z.B. in der Theater- und Kabarettszene mit Harry Buckwitz, Claus Peymann oder Matthias Beltz. Der Spaßfaktor spielte hierbei zumindest am Anfang auch eine Rolle. Allerdings veränderte sich dies im Laufe des Jahres 1968 durch Aufrüstung der Polizei und auch bei den Demonstranten.
Die 68er seien rechthaberisch gewesen und hätten mit allen bestehenden Strukturen und Autoritäten gebrochen, auch mit den Eltern, sagte Bernd Messinger. Weiter unterstrich er, dass Frankfurt nach Berlin das Zentrum der 68er Bewegung gewesen sei. Allerdings unterschied sich Frankfurt deutlich von Berlin. Berlin war Frontstadt, stand im Zentrum der Politik, der Geheimdienste. Frankfurt sei dagegen nicht dogmatisch gewesen. Frankfurt war die Stadt der kritischen Theorie mit Adorno und Marcuse. Daniel Cohn-Bendit brachte eine französische, anti-autoritäre Haltung nach Frankfurt mit. Und schließlich prägten auch Dissidenten aus der Tschechoslowakei nach dem Prager Frühling das politische und kulturelle Klima in Frankfurt.

Die Hotspots in Frankfurt waren, wie Claus-Jürgen Göpfert erläuterte, die Hörsäle der Universität, das Studentenhaus oder der Kolbkeller in Bockenheim. Letzterer war das „inoffizielle Zentrum des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS)“. Dort traf man sich, diskutierte, in der Regel männlich dominiert. Die Frauen blieben im Hintergrund und wurden gerne als „Dunstkreisgenossinnen“ bezeichnet wie Bernd Messinger ergänzte. Der Club Voltaire war der Treffpunkt der linken Szene. Dort traf man sich auch mit Gästen aus dem Ausland, mit Vertretern der Black-Panther-Bewegung, mit Joan Baez oder Jean-Paul Sartre.

Die beiden Autoren mit dem Moderator im Austausch mit dem Publikum

Was denn geblieben sei von 1968 wollte Stefan Schröder als Nächstes wissen. Bernd Messinger meinte dazu, dass es „keine Heldenverehrung gebe“. Die 68er hätten eine klare Haltung gezeigt und sich aufgelehnt gegen bestehende Strukturen und Autoritäten. Der Marsch durch die Institutionen in verschiedenen Bereichen und Milieus habe zu einer Vielzahl an Veränderungen und zu einer Liberalisierung der Gesellschaft geführt. Claus-Jürgen Göpfert verwies darauf, dass es in dieser Zeit auch zum Aufbruch der Frauen kam und sie sich von der Männerdominanz lossagen wollten.
Mit Blick auf die Gegenwart kommentierten die beiden Autoren, dass wir verlernt hätten, für unsere demokratischen Errungenschaften zu kämpfen und die entstandenen Lücken den Rechten überlassen würden.

Auf die Frage des Moderators, welche Rolle Gewalt bei den 68er gespielt habe, antwortete Claus-Jürgen Göpfert, dass dieses Thema die 68er in Frankfurt stetig begleitet habe, die Meinung dazu sei allerdings schwankend gewesen. Die Gewaltfrage wurde unter den 68ern auf zwei Ebenen gesehen. Auf der theoretischen Ebene gab es eine Grundsolidarität auch mit den Gewaltbereiten gegen das reaktionäre System. Auf der praktischen Ebene wurden Häuser besetzt, der Kampf auf den Straßen ausgetragen, zumindest von 11 bis 16 Uhr, denn um 18 Uhr wartete die Sportschau wie Bernd Messinger mit einem Schmunzeln darlegte. Allerdings wollte man im Grunde keine Gewalt gegen Menschen, sondern nur gegen Sachen.
1976 gab es schließlich eine Zäsur in Frankfurt in dieser Frage. Joschka Fischer war einer derjenigen, der zum Gewaltverzicht aufrief: „Schmeißt die Mollies und die Knarren weg!“ Dies war letztendlich der Ausgangspunkt für die entstehende Umwelt- und auch einer breiteren Frauenbewegung.

In den anschließenden Fragen aus dem Publikum ging es zum einen um die Rolle der Frauen und ihren Widerstand gegen die Männer. Dabei wiesen die beiden Autoren darauf hin, dass die Frauen sich mit unterschiedlichsten Mitteln wehrten: mit Tomaten, mit einem Busenattentat auf Adorno, mit Flugblättern oder der Gründung des Frankfurter Weiberrats.
Weitere Wortmeldungen aus dem Publikum verwiesen auf andere Städte wie Gießen und Marburg („da war viel mehr los als in Frankfurt“ – dazu empfahl Stefan Schröder, unbedingt ein Buch zu schreiben) oder Heidelberg, wo es an den Universitäten ebenfalls große Proteste und Revolten gab oder auf Wiesbaden, wo durch die Gewerkschaft Druck und Papier in den Betrieben gegen die autoritären Strukturen der Unternehmen angekämpft wurde und man sich in Paris Inspirationen holte.

Blick aus dem Publikum

Auf die Frage, was die Schwachstellen von 1968 gewesen seien, antwortete Bernd Messinger, dass es zum einen die Solidarität mit der PLO und der RAF („ein großer historischer Irrtum“) und zum anderen der Antisemitismus war.  Claus-Jürgen Göpfert fügte hinzu, dass es an einer kritischen Auseinandersetzung mit den wirklichen Situationen in China oder in Vietnam mangelte.

Bei der abschließenden Frage von Stefan Schröder, warum sich die Autoren nur auf das Jahr 1968 konzentriert hätten, verwiesen die beiden mit einem Lächeln auf das Jubiläumsjahr (50 Jahre), betonten aber vor allem, dass sich 1968 Vieles verdichtet und zahlreiche Ereignisse in diesem Jahr die gesellschaftliche Entwicklung in Westdeutschland nachhaltig beeinflusst hätten. Dabei wollte man gerade nicht nur die bekannten Namen zu Wort kommen lassen, sondern auch Menschen aus der Vergessenheit oder den Taxifahrer, der auch später Taxifahrer geblieben sei, zu Wort kommen lassen.

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