Hessische Landeszentrale für politische Bildung
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Literatur und Politik:
Dr. Axel Ulrich: Carlo Mierendorff kontra Hitler

Wiesbaden, 15. November 2018 – Der Widerstandsforscher Dr. Axel Ulrich stellte an diesem Abend in der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung (HLZ) sein unter Mitarbeit von Angelika Arenz-Morch von der Gedenkstätte KZ Osthofen verfasstes  Buch „Carlo Mierendorff kontra Hitler“ vor. Moderiert wurde das Gespräch von Hans Sarkowicz, Leiter des Ressort Kultur, Bildung und künstlerisches Wort beim Hessischen Rundfunk (hr2).

Nach der Begrüßung durch Jürgen Kerwer, der die Veranstaltungsreihe „Literatur und Politik“ bei der HLZ verantwortet, übernahm Hans Sarkowicz das Wort und lobte den Autor als einer der führenden Widerstandsforscher in Deutschland. Mit zahlreichen Publikationen zum antinazistischen Widerstand besonders in Hessen und Rheinland-Pfalz (u.a. schrieb er eine umfangreiche Biographie über Wilhelm Leuschner) habe er sich einen Namen gemacht. Auf die Frage von Hans Sarkowicz, wie er denn auf Carlo Mierendorff gekommen sei, antwortete Axel Ulrich „zwangsläufig“, denn Mierendorff zählte zu den führenden Widerstandskämpfern während des Nationalsozialismus und arbeitete eng mit Wilhelm Leuschner zusammen.

Dr. Axel Ulrich und Hans Sarkowicz im Vorgespräch

Axel Ulrich wies daraufhin, dass es zu Carlo Mierendorff schon einige Publikationen vorher gegeben habe, u.a. von Richard Albrecht 1987 oder ein Band zur Ausstellung über Carlo Mierendorff 1997, allerdings ohne so ausführlich wie jetzt in dem neuen Buch auf seinen antinazistischen Widerstand einzugehen. Deshalb konzentriere er sich ganz auf die Zeit von 1933 bis 1943. Hans Sarkowicz ergänzte dazu, dass es sich lohnen würde, die umfangreichen Fußnoten zu lesen.

Auf seine Vita angesprochen erläuterte der Autor, dass Carlo Mierendorff nationalliberal erzogen worden sei und wie so viele begeistert in den Krieg 1914 zog. Aus dem Krieg kam er als Anti-Militarist zurück. Für ihn war die Weimarer Republik, die neu gewonnene Demokratie, ein hohes Gut, dass man nun beschützen musste. Im Volksstaat Hessen war er in der Regierung von Wilhelm Leuschner Pressesprecher. Als Reichstagsabgeordneter, aber auch schon viel früher, setzte er sich früh mit den Nationalsozialisten auseinander und sah in ihnen die größte Gefahr für die Demokratie. Nach Bekanntwerden der Umsturzpläne der Nazis (Boxheimer Dokumente) versuchte er vergeblich, ein Gerichtsverfahren gegen die Nationalsozialisten und Adolf Hitler einzuleiten. Nach der Machtübernahme durch Hitler am 30. Januar 1933 hoffte er auf einen Generalstreik, der aber nicht zustande kam. Der frühe illegale Kampf gegen die Nazis wurde durch ein Pioniersystem initiiert, indem Kerngruppen gebildet und ein Nachrichtendienst aufgebaut wurden. In Südhessen wurde quasi ein „Prototyp“ entwickelt mit Siegfried Höxter und Carlo Mierendorff an der Spitze. Mierendorff geriet schon früh ins Visier der Gestapo. Danach ging er für kurze Zeit nach Berlin, kehrt dann aber wieder nach Hessen, nach Frankfurt, aber nicht nach Darmstadt zurück. Insbesondere im Rhein-Main-Gebiet trafen sich Sozialdemokraten in Kleingruppen, in einem Fall sogar zu einer größeren Versammlung mit bis zu 100 Personen.

Hans Sarkowicz und Dr. Axel Ulrich im Gespräch

Am 13. Juni 1933 wurde Carlo Mierendorff in Frankfurt von den Nazis verhaftet, so Axel Ulrich. Am 21. Juni 1933 wurde er in das KZ Osthofen bei Worms eingeliefert, wo er kurz nach der Ankunft wahrscheinlich von dort bereits einsitzenden Kommunisten schwer misshandelt wurde. Im November 1933 wurde er ins Emslandlager Börgermoor bei Papenburg, anschließend ins KZ Lichtenburg bei Prettin und im August 1937 ins KZ Buchenwald gebracht. Die letzte Station war die Gestapo-Zentrale in Berlin-Mitte, aus der er schließlich am 10. Februar 1938 entlassen wurde. Wer für die Freilassung letztendlich verantwortlich gewesen war, könne man nicht genau sagen, wie der Autor dazu anmerkte. Es könnte auf Veranlassung von Karl Wolff, damals General der Waffen-SS, erfolgt sein, der zusammen mit Carlo Mierendorff und Theo Haubach dieselbe Schule besucht hatte. Nach seiner Freilassung versuchte er sich vergeblich als Autor. Letztendlich verschafften ihm Karl Wolff und Dr. Werner Best, der für die Boxheimer Dokumente verantwortlich zeigte, eine Anstellung bei der Braunkohle Benzin AG in Berlin im Herbst 1939. Durch diesen Job konnte er sich ab 1940 frei bewegen, sogar ins besetzte Ausland nach Frankreich, in die Niederlande und nach Belgien. In dieser Zeit knüpfte Mierendorff an das alte Netzwerk an und erweiterte dies um Militärs und Vertreter des bürgerlichen Widerstands. Vermutlich waren schließlich mehrere Tausend Personen in jenes Widerstandsnetzwerk eingebunden, wie Axel Ulrich betonte. Allein im Rhein-Main-Gebiet seien es über 550 Personen gewesen, meist Ältere und Kranke, die nicht zum Kriegsdienst eingezogen werden konnten. In dieser Zeit war Carlo Mierendorff der wichtigste Mitarbeiter von Wilhelm Leuschner neben Ludwig Schwamb. Sie trafen sich 1 Mal in der Woche. Mierendorff arbeitete intensiv an den Umsturzplänen mit und nutzte seine berufsbedingten Freiräume, die Netzwerke auf viele andere Widerstandsbereiche auszudehnen. An der Umsetzung der Umsturzpläne konnte er selbst nicht mehr mitwirken, denn er starb am 4. Dezember 1943 bei einem Luftangriff auf Leipzig. Später wurde er auf dem Darmstädter Waldfriedhof beigesetzt.

Am 12. März 1944 richtete sein Freund Carl Zuckmayer in New York eine Gedenkfeier anlässlich seines Todes aus. Hierzu wollte Hans Sarkowicz wissen, wie denn die Informationen dorthin gelangten. Axel Ulrich erklärte, dass es z.B. über Dänemark, Norwegen, Schweden, Niederlande, Schweiz oder Portugal Möglichkeiten gab, Informationen solcher Art heimlich nach England und die USA zu übermitteln.
Zum Abschluss verwies der Autor auf ein Weißbuch, das von der SPD in England 1946 herausgegeben wurde. Darin wurde die Zahl von bis zu einer Million politisch Verfolgten des NS-Regimes genannt. In Darmstadt betrug deren Zahl 1325, in Frankfurt a. M. 1286 und in Wiesbaden 650 Regimegegner.

Blick aus dem Publikum

Nach den Ausführungen des Autors wurde das Publikum mit eingebunden. U.a. wurde die Frage gestellt, warum der sozialdemokratische, gewerkschaftliche Widerstand erst viel später nach Kriegsende aufgearbeitet wurde. Axel Ulrich antwortete, in der Bundesrepublik Deutschland hätte man sich bei der Widerstandsforschung zunächst vor allem auf den militärischen Widerstand konzentriert, in der DDR fast ausschließlich auf den kommunistischen Widerstand.
Im Schulunterricht spiele das Thema Widerstand generell keine Rolle. Abschließend appellierte Axel Ulrich dafür, dass das Thema viel stärker als bisher in die Schulen getragen werden müsse. Die jungen Menschen als Multiplikatoren zu gewinnen und sie für die Protagonisten des Widerstandes als Vorbilder zu sensibilisieren, sei hierbei eine wichtige Aufgabe.

Bei der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung kann der Band von Axel Ulrich „Carlo Mierendorff kontra Hitler“ hier bestellt werden.