Hessische Landeszentrale für politische Bildung
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Literatur und Politik: Justa Carrasco/Reinhard Neebe:
Luther und Europa

Wiesbaden, 7. Dezember 2017 – Justa Carrasco, Studienrätin für Spanisch und Geschichte am Gymnasium Philippinum in Marburg und Prof. Dr. Reinhard Neebe, Archivpädagoge und Leiter des Digitalen Archivs in Marburg, stellten an diesem Abend ihr Begleitbuch zur gleichnamigen Ausstellung „Luther und Europa“ vor. Moderiert wurde das Gespräch von Prof. Dr. Andreas Hedwig, Honorarprofessor an der Philipps-Universität Marburg und Leiter des Hessischen Landesarchivs und des Staatsarchivs in Marburg.

Jürgen Kerwer begrüßt die Gäste

Zu Beginn gab Prof. Hedwig eine kurze Einführung in das Buch, das aus seiner Sicht durch die Mischung von Text, Bild- und Kartenmaterial sowohl für Einsteiger in das Thema genauso spannend und interessant sei als auch für Fortgeschrittene. Die Ausstellung selbst, die vom Hessischen Kultusministerium angestoßen und zum größten Teil finanziert wurde, erarbeiteten Justa Carrasco und Prof. Neebe zwischen 2012 und 2015. Ihre Arbeit konzentrierte sich dabei hauptsächlich auf Recherchen im Hessischen Staatsarchiv in Marburg, das eine umfangreiche Sammlung an Dokumenten zur europäischen Reformationsgeschichte beherbergt.
Die Ausstellung wurde seit der ersten Ausstellung 2015 in Marburg an bisher 50 Orten gezeigt, wie Prof. Hedwig weiter erläuterte.

Auf die Einstiegsfrage an die beiden Autoren, was Luther uns heute zu sagen habe und was sein Beitrag zur Moderne sei, kam Justa Carrasco zunächst auf die vorreformatorischen Bewegungen zu sprechen, die einen unmittelbaren Einfluss auf Luther hatten. Prof. Neebe ergänzte hierzu, dass Luther sich in der Nachfolge von Jan Hus sah, der 1415 während des Konstanzer Konzils verbrannt wurde. Er relativierte dann die allgemeine Einschätzung über Luther, dass dieser der Ausgangspunkt der Moderne, der Wissensfreiheit, der Aufklärung usw. sei. Eher seien es „verschlungene Wege zur Moderne“ gewesen, wie auch die beiden Kirchenwissenschaftler Thomas Kaufmann und Volker Leppin in ihren Arbeiten betonen. Außerdem fügte er hinzu, dass Luthers Welt- und Geschichtsbild in seinen letzten Lebensjahren apokalyptisch geprägt gewesen sei, da für ihn das Ende der Welt kurz bevor stand.

Prof. Dr. Reinhard Neebe, Justa Carrasco und Prof. Dr. Andreas Hedwig im Gespräch

Die anschließende Frage Prof. Hedwigs wie das Verhältnis Luthers zum Humanismus einzuschätzen sei, beantwortete Justa Carrasco einleitend damit, dass Luther auf die Reformideen der humanistischen Bewegung (Thomas Morus, Johannes Reuchlin, Erasmus von Rotterdam) zurückgriff, besonders auch auf die neue Auslegung des Neuen Testaments. Bei der Deutung des Freiheitsbegriffs gab es allerdings dann einen deutlichen Bruch zwischen Humanisten um Erasmus von Rotterdam und Luther wie Prof. Neebe betonte. Erasmus hob in einer Schrift von 1524 den freien Willen des Menschen hervor, der selbst entscheiden kann. Luther antwortete 1525, dass der Mensch zwischen Gott und Satan hin- und hergerissen wird, von Gottes Gnade abhängig sei und nicht selbst entscheiden kann.

Welche Bedeutung Philipp von Hessen für die Reformation in Deutschland, aber auch in Europa hatte, wurde im zweiten Teil des Gesprächs deutlich. Prof. Neebe kennzeichnete in seinen Ausführungen Philipp als „fürstlichen Reformator und Tatmensch“, „als Mittler und als toleranter Herrscher“. 1526 führte Philipp von Hessen als einer der ersten Fürsten die Reformation in seinem Land ein. 1527 gründete er die Marburger Universität als erste protestantische Universität weltweit. Mit dem Marburger Religionsgespräch 1529, zu dem er Luther und Zwingli einlud, wollte er verhindern, dass „die Reformationsbewegungen auseinanderdrifteten“. Zwar waren sich Luther und Zwingli bei den meisten Punkten einig. Beim Abendmahl jedoch blieben sie unterschiedlicher Auffassung, was letztendlich zum Bruch zwischen Luther und Zwingli führte.

Nicht nur in Deutschland gab sich Philipp als Mittler, sondern auch in Europa, beispielsweise in Frankreich oder in England (Reformatoren unter Heinrich VIII.). Er verfolgte hier ein „Mittelstraßenkonzept zwischen Luther und Zwingli“.
Tolerant war Philipp gegenüber den Wiedertäufern in seinem Land, die er schützte, ebenso den Juden gegenüber, die er nicht verjagte, wie Luther später forderte.
Justa Carrasco ergänzte, dass „Philipp von Hessen die Spaltung der Reformation unbedingt verhindern wollte“. Ihm ging es um die Einheitlichkeit der Bewegung, um auch gegenüber dem Kaiser und den Katholiken insgesamt stark zu sein. Aber er suchte auch das Gespräch mit den Katholiken, so 1541 mit Kaiser Karl V., um Kompromisse mit diesen einzugehen. Dabei entwarf Philipp einen visionären Plan wie Prof. Neebe erwähnte, in dem er u.a. die Rückstufung des Papstes zum Bischof von Rom, einen Ausgleich zwischen Habsburg und Frankreich und die Einberufung eines Konzils zur Herstellung der religiösen Einheit forderte.

Blick auf das Publikum

Beim Thema Ausbreitung der Reformation in Europa verwies Justa Carrasco auf Albrecht von Preußen, der 1525 die Reformation in seinem Herzogtum einführte und in engem Austausch mit Philipp stand, sowie auf Johannes a Lasco, der die Union der polnischen Protestanten vorantrieb. Prof. Neebe nannte Patrick Hamilton, der in Marburg studiert hatte und als wichtigster Reformator in Schottland galt. Christian III. führte 1537 in Dänemark die Reformation ein. Mit Heinrich VIII. gab es 1530/1531 Korrespondenzen, in denen es um die geplante Scheidung von seiner Frau Katharina von Aragon und der Bitte um Unterstützung dazu ging. Die Hugenotten unterstützte Philipp 1562 in ihrem Kampf gegen die Katholiken.

Nach dem Gespräch hatte das aufmerksame Publikum Gelegenheit, Fragen zu stellen. Diese bezogen sich dann u.a. auf fehlende Dokumente im Archiv (Prof. Neebe nannte hier verschollene Briefe von Luther an Philipp), auf Luther als Apokalyptiker (Prof. Neebe verwies hier auf die Luther-Bibel von 1534) sowie auf Luther und die Juden (Luthers Haltung änderte sich vor allem in seinen letzten Lebensjahren deutlich gegenüber den Juden wie beide Autoren betonten).

Zum Abschluss konnten sich die Gäste das vorgestellte Begleitbuch mitnehmen und von den Autoren signieren lassen.

Vom 14. Dezember 2017 bis zum 19. Januar 2018 ist in der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung die Wanderausstellung „Luther und Europa“ zu sehen. Die Tafelausstellung fragt nach den europäischen Dimensionen der Reformation, zeigt die unterschiedlichen Wege und Entwicklungen in Europa auf und wirft besonders auch einen Blick auf die Rolle Hessens.

Die Ausstellung gliedert sich in insgesamt 7 Themenfelder:
Europa um 1500, Ereignis Luther, Luther und die Anderen, Der fürstliche Reformator, Die gespaltene Reformation, Ausbreitung der Reformation in Europa und Europa nach der Reformation.

Das am Abend vorgestellte Begleitbuch zur Ausstellung ist während des Ausstellungszeitraums ebenso erhältlich wie auch ein Informationsflyer.

Ergänzend dazu stehen unter www.digam.net/luther-und-europa weitere Informationen und Materialien des Digitalen Archivs Marburg zur Verfügung. Arbeitsblätter für den Unterricht sind u.a. beim Hessischen Staatsarchiv (Friedrichsplatz 15, 35037 Marburg, Tel. 06421-9250-163, nicole.enke@stama.hessen.de) erhältlich.

Blick auf die Gesprächsrunde

Die Veranstaltung zum Nachhören