Hessische Landeszentrale für politische Bildung
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Literatur und Politik: Was ist eigentlich Heimat? Annäherung an ein Gefühl

Manfred Ladwig, Fernsehredakteur in der Umweltredaktion des SWR, im Gespräch mit Renate Zöller, freie Journalistin und Buchautorin, in der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung (HLZ) am 21. April 2016 über das Thema Heimat. Einen Bericht zum Gespräch finden Sie auch im Wiesbadener Kurier vom 25. April 2016.

Wiesbaden, 21. April 2016 – Wohnhaft ist Renate Zöller mittlerweile wieder in Hürth bei Köln, dort, wo sie aufgewachsen ist, wo ihre Familie lebt und wo sie von der Oma ein Fachwerkhaus geerbt hat. Heimat verbindet Renate Zöller mit ihrer Familie, auch mit ihrer Kindheit. Aber sie betont auch im Laufe des Gesprächs mit Manfred Ladwig, dass „der Begriff Heimat wabbelig ist“ und sich aufgrund der eigenen Lebenssituation immer auch verändern kann. So beschreibt sie ihre Erfahrung in St. Petersburg 1991, als sie sich mit dem deutschen Pass in der ausgestreckten Hand vor einer großen Menschenmenge während der Unruhen in Russland Zugang zur deutschen Botschaft verschaffen konnte und in dem Moment ein Heimatgefühl verspürte.
Die unterschiedlichen Verknüpfungen und Assoziationen mit Heimat erläuterte sie dann im weiteren Verlauf des Abends vor allem anhand von Erzählungen von Heimatlosen, Heimatsuchenden und Heimatexperten. Das engagierte Publikum wurde dabei immer wieder in das Gespräch mit einbezogen und beteiligte sich rege daran.

Auf die Frage von Manfred Ladwig „Was ist Heimat?“ richtete Renate Zöller den Blick zunächst zurück auf die Veränderung des Begriffs „Heimat“ im Laufe der deutschen Geschichte. Bis zum 19. Jahrhundert war der Begriff „Heimat“ mit einem Stück Land/Hof/Besitz verbunden. Der älteste Sohn erbte das Land, stand somit in der Pflicht, für die Eltern, aber auch die Nachbarn zu sorgen. Mit der Aufklärung, der Französischen Revolution, der Industrialisierung und der Entstehung des Nationalstaats 1871 „veränderte sich die Vorstellung und Verbindung mit Heimat spürbar“, wie die Heimatexpertin betonte. Die Romantik in Kunst und Literatur in Deutschland verband Heimat „mit der Sehnsucht nach der verlorenen Kindheit, mit schönen Landschaften, mit der Natur als Organismus, mit Gefühlen des Einzelnen“. Dieses neu entstandene Bild von Heimat prägte dann in Deutschland die Vorstellung von Heimat bis zum Ersten Weltkrieg.
Der Erste und der Zweite Weltkrieg sowie das nationalsozialistische Terrorregime zerstörten dieses Bild jedoch auf drastische Weise. Viele Millionen Menschen mussten kriegsbedingt ihre Heimaten verlassen und aufgeben. „Über die alte Heimat im Osten zu sprechen“, wie Manfred Ladwig dazu einflocht, „war allerdings tabu.“ „Heimat wurde in den 50er/60er stattdessen verkitscht und man suchte die heile Welt z.B. in den Heidi-Filmen“, führte Renate Zöller weiter aus.
Mit der Studentenbewegung Ende der 60er Jahre und dem Aufkommen eines Umweltbewusstseins in der linken Szene in den 70er Jahre änderte sich das Bild von Heimat wieder. „Eines der Schlüsselereignisse war der Protest gegen den Bau des Atomkraftwerks Wyhl 1977, um die Natur, seine unmittelbare Umwelt und seine Heimat zu schützen“, wie die Heimatexpertin betonte. Dadurch änderte sich das Bild von Heimat wieder und verfestigte sich in und seit den 80er Jahren mit der Vorstellung von einer intakten Natur und Umwelt und damit Verantwortung für die Um-Welt zu übernehmen.

Renate Zöller im Gespräch mit Manfred Ladwig
Blick ins Publikum

Im weiteren Gesprächsverlauf griff Manfred Ladwig einige Personen heraus, die in Renate Zöllers Buch „Was ist eigentlich Heimat?“ zu Wort kommen und über ihre Vorstellung von Heimat berichten.
Reinhard aus Schlesien beispielsweise musste mit 5 Jahren seine Heimat verlassen. Er verlor seine Mutter, sein Zuhause. Er sehnt sich nach dieser verlorenen Zeit und verbindet Heimat mit seiner Kindheit in Schlesien. Renate Zöller begleitete Reinhard nach Jahren wieder in seine alte Heimat. Dort fand er aber diese alte Heimat nicht mehr. Selbst der Friedhof, auf dem er gerne begraben werden möchte, war nicht mehr da. „Heimat kann man oft nicht mehr finden“, bilanzierte Renate Zöller zu ihren Erläuterungen über den Verlust von Heimat.

Lisas Biographie zeigt, dass sich Menschen auch von wechselnden politischen Systemen nicht aus ihrer Heimat vertreiben lassen. Lisas Vater war Tscheche, ihre Mutter Deutsche. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hätten ihre Mutter, die Geschwister und sie ihre Heimat, das Riesengebirge, verlassen müssen. Doch sie wollten zusammenbleiben als Familie und setzten sich gegen viele Widerstände und Erschwernisse durch und blieben als Familie zusammen. Denn Heimat ist für Lisa Familie und Riesengebirge zugleich.

Werners Lebensgeschichte - ein Wehrmachtsoldat, der auf der britischen Insel Sark im Ärmelkanal den Krieg verbringt, als britischer Kriegsgefangener dort lebt und in der Zeit die Liebe seines Lebens, Phyllis, findet – ist für Renate Zöller „filmreif“. Heimat ist für Werner da, wo seine Liebe ist.

Anhand von Manuelas Beispiel zeigte Renate Zöller dann noch auf, wie vielfältig Heimat von Menschen empfunden werden kann. Für Manuela, die Naturerlebnisreisen organisiert, ist die Schweiz eine Heimat. Aber nicht die Einzige. Heimat bedeutet für Manuela auch die Natur und die Landschaften in Lateinamerika, die sie bei ihren Reisen aufsucht. Und eine weitere Heimat kam für sie mit Spanien hinzu, vor allem auch durch ihren Mann, der Spanier ist und sie selbst ja mit der spanischen Sprache aufgewachsen sei.

Auf die Frage von Manfred Ladwig, ob der Mensch eigentlich Heimat braucht, antwortete Renate Zöller mit einem eindeutigen „Ja“. „Der Mensch ist ein Wesen, der körperlich spürbaren Kontakt, der Sicherheit im Nahbereich braucht“, so Renate Zöller in ihrer weiteren Beantwortung der Frage.

Im Hinblick auf die aktuellen Flüchtlingsbewegungen, vor allem auch nach Deutschland, wies Renate Zöller darauf hin, dass der Mensch „einen sicheren Ort brauche, an dem er sich sicher und frei bewegen kann.“ Auf den Hinweis aus dem Publikum, dass sich Flüchtlinge in Deutschland auch integrieren müssen, antwortetet Renate Zöller mit einem „Ja, aber“. Denn wichtig sei es vor allem auch, dass man die Voraussetzungen und Rahmenbedingungen schaffe, damit Flüchtlinge eine neue Heimat für sich erarbeiten und finden können. „Ein aktiver Prozess mit offenen Türen sei daher notwendig“, so Renate Zöller abschließend.

Der Band „Was ist eigentlich Heimat?“ von Renate Zöller kann bei der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung hier bestellt werden.

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