Hessische Landeszentrale für politische Bildung
HLZ – Politische Bildung in und für Hessen
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Themenwoche: Die Zukunft der digitalen Gesellschaft

Im Rahmen der Reihe „Literatur und Politik“ lud die Hessische Landeszentrale für politische Bildung vom 31. Oktober bis 3. November 2016 in Wiesbaden zu einer Themenwoche unter der Überschrift „Die Zukunft der digitalen Gesellschaft“ ein. An den vier Tagen gaben renommierte Wissenschaftler und Experten einen Ein- und Ausblick auf die Digitalisierung unserer Gesellschaft, auf die Digitalisierung in der Arbeitswelt, in der Bildung sowie auf die Digitalisierung unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit mit allen Chancen und Gefahren. Moderiert wurden die Vor- und Beiträge von Uwe Kauss, der als Journalist, Redakteur, Medienberater und Sachbuchautor seit vielen Jahren die digitale Entwicklung aktiv mitgestaltet und begleitet.

Ergänzt wurde die Vortragsreihe durch Workshops („Ich habe doch nichts zu verbergen“), die an zwei Nachmittagen für Schülerinnen und Schüler stattfanden. Moderiert wurden die Workshops durch Beate Feyerabend vom Medienzentrum Frankfurt a.M.

 

Peter Schaar: Chancen und Gefahren einer digitalen Gesellschaft

Am 31. Oktober sprach Peter Schaar, ehemaliger Bundesbeauftragter für den Datenschutz, über die „Chancen und Gefahren einer digitalen Gesellschaft“. Er zeigte in seinem Beitrag u.a. auf wie sich die Datenverarbeitung in den letzten Jahrzehnten seit den 80er Jahren verändert hat. Damals war Datenverarbeitung Mittel zum Zweck. „Heute sind Daten ein Selbstzweck“, so Peter Schaar. Daten würden heutzutage überall erhoben, gesammelt, gespeichert und miteinander vernetzt. Die Informationstechnologie (IT) sei dabei zum großen Teil unsichtbar geworden. Den großen IT-Konzernen ginge es heute vor allem darum, so viele Daten wie möglich zu sammeln und daraus Erkenntnisse zu gewinnen. Problematisch sei hier der Aspekt der Personalisierung. Je nachdem wie man z.B. bei der Schufa bewertet würde, erhalte man bei einer Kreditvergabe entsprechend bessere oder schlechtere Konditionen. Die Preise würden damit personalisiert (Scoring). Es komme dadurch zu einer Klassifizierung der Verbraucher und damit zu einer Aufteilung in der Gesellschaft. 

Bei den großen Plattformen würden offene Schnittstellen fehlen. Außerdem mangele es an Transparenz. Die dadurch entstehenden Abhängigkeiten der Verbraucher und die Abriegelungen müssten durch Verbraucher- und Datenschutz unterbunden werden und zwar auf europäischer Ebene.

Peter Schaar wies im Zuge dessen auf die von der Europäischen Kommission verabschiedete Datenschutz-Grundverordnung, die ab dem 25. Mai 2018 unmittelbar in allen EU-Mitgliedstaaten gelten würde. 

Wichtig sei ihm grundsätzlich, betonte Peter Schaar an diesem Abend, dass man sich die Frage stellen müsse, was Technologien, was Automatisierungsprozesse mit der Gesellschaft, mit dem einzelnen Menschen anstellen würden, welche Veränderungen dadurch entstünden und wie diese am besten im Sinne der Gesellschaft zu steuern seien. Als wichtiger Vordenker gelte ihm hier Joseph Weizenbaum („Der Kurs auf den Eisberg“, 1984), der sich als einer der ersten kritisch gegenüber der Computergläubigkeit äußerte.

Peter Schaar bei seinem Vortrag mit Blick ins Publikum
Peter Schaar und Uwe Kauss

Michael von Hauff: Digitalisierung aus der Perspektive nachhaltiger Entwicklung

Am 1. November erläuterte Prof. Dr. Michael von Hauff, Inhaber des Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre an der TU Kaiserslautern, die „Digitalisierung aus der Perspektive Nachhaltiger Entwicklung“. Prof. Hauff richtete seinen Blick zunächst auf die Anforderungen an die Digitalisierung. Die Erwartungen der Wirtschaft seien groß. Man rechne mit Produktivitätssteigerungen und steigendem Wachstum, was zu steigenden Gewinnen und höherem Erwerbseinkommen führen würde. Allerdings sei es umstritten, ob der weitere Ausbau der Digitalisierung tatsächlich eine positive Auswirkung auf die Produktivität habe.

Wendet man sich den ökologischen Anforderungen an die Digitalisierung zu, so stellt sich die Frage nach dem Energieverbrauch. Dabei müsse man berücksichtigen, dass sowohl die Produktion als auch der Betrieb von IC (Integrated Circuit – Integrierte Schaltkreise)-Technologien sehr ressourcenintensiv seien.

Aus seiner Sicht lassen sich beim Energieverbrauch in der digitalen Welt vier Bereiche abgrenzen, die allesamt weiter wachsen und von Jahr zu Jahr noch mehr Energie verbrauchen würden:

1. Der Betrieb von Rechenzentren.

2. Die Verwaltung der Datenmengen und deren Netzwerke im Internet.

3. Die privaten Endgeräte wie Smartphones, Tablets usw.

4. Die Produktion von IC-Technologien, die besonders Ressourcen wie seltene Erden und Metalle benötigt.

Der höchste Anteil des Energieverbrauchs lag 2010 im Bereich der privaten Endgeräte mit rund 40 Prozent.

An einigen Beispielen machte dann Prof. Hauff den Energieverbrauch der IC-Technologien noch einmal deutlicher. Wäre das Internet ein Land, hätte es nach einer Studie von Greenpeace den weltweit sechstgrößten Stromverbrauch. Eine Google-Such-Abfrage entspräche dem Energieverbrauch, eine Tasse Wasser abzukochen. Oder der Energieverbrauch der IC-Technologien sei mittlerweile so groß wie der des weltweiten Flugverkehrs.

Sein Fazit lautete: Der wachsende Energieverbrauch müsse durch entsprechende Maßnahmen und Einsparungen eingedämmt werden. Und der Abbau seltener Erden etwa in Angola, Burundi und der zentralafrikanischen Republik, der zu dramatischen Umweltschäden führe und elementare Menschenrechte durch gefährliche und extrem gesundheitsschädigende Kinderarbeit verletze, müsse gestoppt werden.

Prof. Dr. Michael von Hauff
Prof. Dr. Michael von Hauff im Gespräch mit Uwe Kauss

Prof. Dr. Martina Heßler: Digitalisierung und Veränderungen in der Arbeitswelt

Frau Prof. Dr. Martina Heßler von der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg beschäftigte sich am 2. November mit der „Digitalisierung und Veränderungen in der Arbeitswelt“. 

In ihrem Vortrag blickte Frau Prof. Heßler zu Beginn in die Vergangenheit zurück und verwies auf vorhergehende industrielle Revolutionen durch die Erfindung der Dampfmaschine (1. Industrielle Revolution), die Fließbandproduktion (2. Industrielle Revolution) und die Automatisierung durch den Computer (3. Industrielle Revolution).  Von einer 4. Industriellen Revolution würde heute im Zuge von Industrie 4.0 gesprochen, hob die Referentin weiter hervor. Die industrielle Produktion solle hierbei durch digitale Vernetzung gesteuert werden.  

Diese industriellen Revolutionen haben in der Vergangenheit immer ähnliche Reflexe in der Gesellschaft ausgelöst. Auf der einen Seite die Befürworter, die die Vorteile sahen (Arbeitserleichterung, höhere Produktivität, Wachstum etc.). Auf der anderen Seite die Gegner, die Verlierer, die auf die Gefahren hinwiesen (Verlust von Arbeitsplätzen, gesundheitliche Gefahren, Entwertung des Menschen etc.). 

Was den Verlust von Arbeitsplätzen angeht verwies Frau Prof. Heßler auf die Kompensationsthese die besagt, dass die bisherigen Revolutionen nicht zu einem Arbeitsplatzabbau insgesamt geführt haben, sondern zu einer Erweiterung und Vielfalt von Arbeitsplätzen. Allerdings veränderten die durch die industriellen Revolutionen bedingten Transformationsprozesse die Arbeitswelt erheblich: Berufe verschwanden, neue Berufe entstanden, ganze Regionen gerieten in die Krise, andere erlebten einen Aufschwung. Es gab immer Gewinner und Verlierer.

Durch die zunehmende Digitalisierung und den Einsatz von mehr künstlicher Intelligenz in wirtschaftlichen Abläufen seit den 90er Jahren seien nun auch verstärkt Berufsfelder gefährdet, bei denen viele Daten gesammelt und verarbeitet werden müssen, wie z.B. Finanz- und Steuerberater. In der Studie „Future of employment“ von Frey/Osborne (2013) würde jedoch auch darauf hingewiesen, dass es vier Felder gebe, in denen eine Ersetzung der Arbeitsplätze durch die zunehmende Digitalisierung und Automatisierung eher nicht zu erwarten sei:

1. Überall dort, wo eine große und komplexe Wahrnehmung erforderlich sei.

2. Bei Berufen, die eine hohe emotionale und soziale Kompetenz voraussetzen und bedingen würden.

3. Bei Arbeitsvorgängen, die besondere Handfertigkeiten benötigen würden.

4. In Arbeitsbereichen, die kreative Kompetenzen erfordere.

Die Herausforderungen der Gegenwart mit einem großen anstehenden Transformationsprozess seien nun, die Digitalisierung und ihre Auswirkungen zu kanalisieren und zu steuern. Offen zu sein für das Neue, die neuen Möglichkeiten zu nutzen, wo es für die Gesellschaft, ökonomisch und ökologisch sinnvoll und machbar ist. 

Dabei müsse man sich aber auch verstärkt der Frage stellen, so Frau Prof. Heßler abschließend, wie viel Digitalisierung und Technisierung unsere Gesellschaft letztendlich brauche und wolle.

Frau Prof. Dr. Martina Heßler im Gespräch mit Uwe Kauss
Frau Prof. Dr. Martina Heßler

Ralph Müller-Eiselt: Die digitale Bildungsrevolution

Zum Abschluss der Themenwoche am 3. November setzte sich Ralph Müller-Eiselt von der Bertelsmann Stiftung in Gütersloh mit dem Thema „Die digitale Bildungsrevolution“ auseinander. Der Referent wies zu Beginn auf zwei Entwicklungen in der Bildung hin: Zum einen darauf, dass das Abitur zum Regelabschluss und das Studium zum Normalfall werde. Zum anderen, dass es keine homogenen Lerngruppen mehr geben wird.

Im Hinblick auf die Digitalisierung in der Bildung führte Ralph Müller-Eiselt sechs Punkte auf, die aus seiner Sicht einen Mehrwert darstellen würden:

1. Der Zugang für Begabte wird erweitert.

2. Das Lernen wird personalisiert und individueller.

3. Ein spielerischer Zugang zum Lernen ist möglich.

4. Vernetztes Lernen durch Gruppenarbeit.

5. Alternative Wege durch den Bildungsdschungel.

6. Durch die Erfassung von individuellen Kompetenzen ist ein besserer Zugang zum Arbeitsmarkt gegeben.

Allerdings konstatierte der Vortragende gleich ergänzend, dass hier auch einige Gefahren liegen würden, wie z.B. bei der Datenerfassung und der Datensicherheit („gläserne Lerner“).

Fest stünde, dass die Digitalisierung die Rolle der Lehrkräfte verändere. Die Digitalisierung biete Lösungen für Probleme an. Es ginge nicht um die Technisierung der Pädagogik, sondern um den sinnvollen Einsatz von Technologie. Denn „Digitalisierung ist kein Allheilmittel“, wie Ralph Müller-Eiselt betonte.

Notwendig sei es, die Lehrerfortbildung und Lehrerausbildung im Bereich der digitalen Anwendung auszubauen. Außerdem müssten die politisch-rechtlichen Rahmenbedingungen angepasst und die Infrastrukturen modernisiert werden. Zudem müsste der Zugang für den Einzelnen frei wählbar und eine Datensicherheit gewährleistet sein.

Abschließend war es Ralph Müller-Eiselt wichtig zu betonen, dass es nicht um eine digitale Revolution in der Bildung gehe, sondern um eine pädagogische Revolution. Denn in den Bildungseinrichtungen gäbe es bereits seit Jahren die Notwendigkeit (z.B. bedingt durch Inklusion oder Ganztagsschule), den Unterricht, das Lehren oder die Hausaufgabenbetreuung in der Schule entsprechend anzupassen und zu verändern. Hier seien insgesamt neue Bildungskonzepte gefragt. 

Ralph Müller-Eiselt
Ralph Müller-Eiselt und Uwe Kauss im Gespräch

Bei jeder Abendveranstaltung der Themenwoche fand nach den Beiträgen der Vortragenden und einigen Fragen des Moderators an die Experten eine sachlich/kritische und teilweise kontrovers geführte Diskussion mit den anwesenden Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Veranstaltung statt.