Hessische Landeszentrale für politische Bildung
HLZ – Politische Bildung in und für Hessen
Bild Deine Demokratie

Literatur und Politik: Bildung für nachhaltige Entwicklung. Die Verankerung von Nachhaltigkeit in der schulischen Bildung braucht Zeit

Manfred Ladwig, Fernsehredakteur in der Umweltredaktion des SWR, im Gespräch mit Prof. Dr. Gerd Michelsen, Professor für Nachhaltigkeitswissenschaft an der Leuphana Universität Lüneburg und Dr. Daniel Fischer, wissenschaftlicher Mitarbeiter und zukünftiger Professor an der dortigen Hochschule in der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung (HLZ) am 10. März 2016.

Wiesbaden, 10. März 2016 – Prof. Dr. Gerd Michelsen beschäftigt sich schon seit den 70er Jahren mit dem Thema Nachhaltigkeit. Er gehört zu den Mitbegründern des Ökoinstituts in Freiburg, das damals aus einer Bürgerinitiative gegen das Atomkraftwerk Wyhl hervorgegangen war. In den Veröffentlichungen und Studien des Instituts wird Nachhaltigkeit zwar nicht als Begriff genannt, doch „taucht dieser zwischen den Zeilen oder in Aussagen wie ‚Wir müssen das Schicksal selbst in die Hand nehmen und müssen selbst etwas tun‘ immer wieder auf, wie Prof. Michelsen zum Einstieg in den Gesprächsabend erläuterte. Die Verknüpfung von Nachhaltigkeit mit der Bildung erfolgte dann in einem längeren „Entwicklungsprozess“, der schließlich in der Gründung des Lehrstuhls Hochschulbildung für nachhaltige Entwicklung an der Leuphana Universität Lüneburg vor rund 15 Jahren mündete, wie Prof. Michelsen weiter ausführte.

Auf die Frage von Manfred Ladwig, welche Bausteine, z.B. auch „Verzicht“, bei der Bildung für nachhaltige Entwicklung wichtig seien, antwortete Prof. Michelsen, dass „wir so wie bisher jedenfalls nicht weitermachen können und wir uns intensiv mit Nachhaltigkeit auf verschiedensten Ebenen auseinandersetzen müssen.“ Und dabei betonte er auch, dass „wir das Feld nicht der Politik allein überlassen sollten, sondern uns selbst den Herausforderungen stellen und bei uns selbst anfangen müssten.“
„Es geht nicht allein um Verzicht“, ergänzte Dr. Fischer. Erst einmal sei es wichtig, „ein Bewusstsein für Nachhaltigkeit zu schaffen und dabei bisherige Wertvorstellungen zu hinter fragen.“

Manfred Ladwig im Gespräch mit Prof. Dr. Gerd Michelsen und Dr. Daniel Fischer

Schulen spielen bei der Bewusstseinsbildung dabei eine entscheidende Rolle wie beide Wissenschaftler betonten. Vor dem Hintergrund der UN Dekade BNE von 2005 bis 2014 sind im schulischen Bereich bisher auch die größten Fortschritte von BNE hinsichtlich dessen Integration erzielt worden, z.B. durch das Programm „Transfer-21“, UNESCO-Projektschulen und Umweltschulen in Europa. Auch in den Lehrplänen der einzelnen Bundesländer hat sich einiges verändert, „allerdings nicht so, dass größere und längere Projekte an den Schulen durchgeführt würden.“ Ob hier nicht die „Einführung eines eigenen Fachs Nachhaltigkeit“ weiterhelfen könnte, wie Manfred Ladwig nachfragte? Prof. Michelsen und Dr. Fischer waren sich bei der Antwort einig: „Nein, ein eigenes Fach würde nur zu einer Delegation des Themas führen.“ Wichtig sei es, dass Nachhaltigkeit in allen Fächern Thema sein sollte.

Erfahrungen aus eigenen Projekten mit Schulen zeigten, dass etwa 50% der Schulen, die an einem Nachhaltigkeitsprojekt teilgenommen hatten, auch 2 Jahre später weiterhin die vorgenommenen Veränderungen, beispielsweise beim Essensangebot, fortsetzen würden. Die Bereitschaft bei den Lehrern, ein solches Projekt aktiv zu unterstützen, war allerdings unterschiedlich. „Hier müsse noch viel Überzeugungsarbeit geleistet und dicke Bretter gebohrt werden“, räumte Prof. Michelsen ein.
Die aktive Einbeziehung der Schüler auf der anderen Seite „führte zu einem erhöhten Erfolg der Projekte“ wie Dr. Fischer dazu hervorhob. Die „Offenheit junger Menschen gegenüber dem Thema sei jedenfalls sehr hoch und habe in den letzten Jahren deutlich zugenommen“, ergänzte Prof. Michelsen.

Wichtig sei jedenfalls, „eine kontinuierliche Begleitung und Unterstützung der Schulen, um Nachhaltigkeit an den Schulen umsetzen und auch weiterentwickeln zu können“, wie Prof. Michelsen unterstrich. Dazu „müssten die Räume, die von der Politik da seien, genutzt und die Rahmenbedingungen entsprechend an die notwendigen Veränderungen angepasst werden“, so Prof. Michelsen weiter.
Sein Appell lautete in diesem Kontext: „Wir brauchen Personen in Schulen/Institutionen, die mit Begeisterung das Thema Nachhaltigkeit transportieren und auch umsetzen können.“

Angesprochen von Manfred Ladwig auf das bisher einzigartige Studium der Nachhaltigkeit an der Leuphana Universität in Lüneburg und ob dies nicht vielleicht zu theoretisch sei, wies Prof. Michelsen daraufhin, dass die Studenten im ersten Semester „konkrete und handfeste Projekte“ mit Ursachenforschung, Analyse und Lösungsansätzen gemeinsam in Gruppen bearbeiten müssten. Ziel sei es dabei, „System-, Orientierungs- und Lösungswissen zu vermitteln“ und die Studierenden zu „Generalisten“ auszubilden, betonte Dr. Fischer.
Wichtig ist Prof. Michelsen dabei, dass wir „Problemlöser ausbilden, die aus verschiedenen Perspektiven Probleme angehen können und sich dann gezielt Experten zur Problemlösung heranziehen.“ Dr. Fischer sieht die Studierenden und Absolventen auch als „Brückenbauer zwischen verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen, die dadurch einen differenzierteren Umgang mit Nachhaltigkeit erlernen.“

Auf die zukünftige Entwicklung angesprochen lenkte Prof. Michelsen den Blick auf ein neues Weltaktionsprogramm mit dem Ziel, Strukturen zu verändern. Zentrale Themen seien dabei u.a. Energiewende, Konsum und Mobilität. Dr. Fischer ergänzte dazu, dass in der Zukunft politische Entscheidungsprozesse verändert, die Einbindung von Jugendlichen verstärkt, die lokalen Ebenen eingebunden und Bildungslandschaften geschaffen werden sollten. Auch die Ausbildung von Multiplikatoren/Lehrern spiele dabei eine wichtige Rolle.

Ein Blick ins Publikum

Auf die Frage aus dem Publikum, wie mit den Folgekosten der Umweltbelastungen und Umweltzerstörungen umgegangen werden sollte, meinte Prof. Michelsen, dass „wir eine Ehrlichkeit der Preise und der Kosten brauchen“, mit einem Seitenhieb auf die Ökonomen, deren Modellrechnungen meistens diese nicht berücksichtigen würden.

Die Frage, ob die schnelle Klimaveränderung entsprechend bei der inhaltlichen Gestaltung des Studiums berücksichtigt würde, beantwortete Prof. Michelsen mit einer grundlegenden Antwort, in dem er auf den Prozess der Nachhaltigkeit einging, der mühsam und von widerstreitenden Interessen begleitet sei und einfach viel Zeit benötigen würde.

Als Fazit gaben die beiden Wissenschaftler dem interessierten Publikum mit auf den Weg, dass „eine Veränderung in den Köpfen notwendig sei, wir uns selbst als Teil des Veränderungsprozesses sehen und den richtigen Weg einschlagen müssen.“

In der Schriftenreihe „Nachhaltigkeit“ ist der Band 2 „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ von Prof. Dr. Gerd Michelsen und Dr. Fischer erschienen. Die Ausgabe kann bei der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung hier bestellt werden.

Zuständiges Referat

Dieses Thema wird von Referat 2/V bearbeitet.