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Literatur und Politik: „Ich wollte nur zeichnen, zeichnen, zeichnen.“ Ludwig Emil Grimm - Lebenserinnerungen des Malerbruders

Hans Sarkowicz und Prof. Dr. Heiner Boehncke über die Lebenserinnerungen von Ludwig Emil Grimm in der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung am 23. Juni 2016 in der Reihe Literatur und Politik.

Wiesbaden, 23. Juni 2016 – Prof. Dr. Heiner Boehncke, Literaturwissenschaftler und Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland und Hans Sarkowicz, Leiter des Ressorts Kultur, Bildung und künstlerisches Wort beim Hessischen Rundfunk, gaben in einer sehr unterhaltsamen und erfrischenden Weise einen Einblick in die literarische und künstlerische Hinterlassenschaft von Ludwig Emil Grimm, dem Bruder der berühmten Grimm-Brüder Jacob und Wilhelm. Beide haben gemeinsam die Lebenserinnerungen (das handschriftliche Original befindet sich in der Sammlung des Brüder Grimm-Museums in Kassel) von Ludwig Emil Grimm neu bearbeitet und 2015 in der Anderen Bibliothek herausgegeben. Die erste Veröffentlichung der Lebenserinnerungen war übrigens bereits 1911 erfolgt, allerdings „mit zahlreichen Fehlern und Unwahrheiten“, wie die Referenten unisono bemerkten.

Ludwig Emil Grimm: Lebenserinnerungen des Malerbruders. Ediert von Heiner Boehncke und Hans Sarkowicz, illustriert von Albert Schindehütte. Die Andere Bibliothek 2015, gebundene Ausgabe, 99 €.

„Die Lebenserinnerungen waren nie für die Öffentlichkeit gedacht, sondern wurden von ihm für seine Familie und Freunde aufgezeichnet“, worauf Hans Sarkowicz zu Beginn des Gesprächs hinwies. Dabei hat Ludwig an der einen oder anderen Stelle (wie man im Original sehen kann) etwas herausgeschnitten. Die beiden Grimm-Kenner spekulierten darüber, was das wohl gewesen sein könnte. „Hans Sarkowicz vermutet hier meistens amouröse Geschichten“, wie Prof. Boehncke süffisant anmerkte, dem er aber „eindeutig widerspreche“.

Auch die Liebesgeschichte mit Thekla in München während seines Akademiestudiums von 1809 bis 1813 bei Carl Ernst Christoph Heß sorgte an diesem Abend für reichliche Spekulationen, ob Ludwig Erfolg dabei hatte oder nicht.

Mit Zitaten aus den Lebenserinnerungen, z.B. über das Zusammentreffen mit Goethe im Brentano-Kreis in Wiesbaden 1815 oder seine Bemerkungen über Clemens Brentano, verschafften die beiden Vortragenden dem Publikum einen Eindruck von Ludwig Emil Grimms Schreibstil. Auf sehr anschauliche Art beschreibt er Szenen oder Charakterzüge seiner Zeitgenossen, seiner Familie oder seiner Freunde begleitet von einem oft humorvollen Unterton und gewährt uns damit „einen Blick durch das Schlüsselloch“, wie Prof. Boehncke feststellte. Sein Leben war insgesamt sehr häuslich, hessisch (Lebensmittelpunkt in Kassel, Kindheit in Steinau) und familiär geprägt, dabei ganz mit seiner Umwelt und der Natur im Einklang stehend. Allerdings suchte er auch immer nach neuen Anregungen und Impulsen von außen wie bei seinem Studium in München oder seiner Reise nach Italien.

Hans Sarkowicz liest aus den Lebenserinnerungen von Ludwig Grimm
Prof. Boehncke berichtet von der Beziehung zu Clemens Brentano (Porträt von Ludwig Grimm im Hintergrund zu sehen)

Seine präzise Beobachtungsgabe spiegelt sich dabei in seinem gesamten zeichnerischen Werk wieder. Denn „Zeichnen, das war seine große Leidenschaft“, wie Hans Sarkowicz hervorhob. Er wollte immer nur zeichnen, zeichnen, zeichnen. Grimm zeichnete seine Familie, seine Umwelt, Kinder, Tiere, die Natur, den Alltag, Porträts von Bauern oder Reisenden, aber auch von Literaten und Künstlern seiner Zeit, von Bettine und Clemens Brentano oder Heinrich Heine. Wertschätzung erhielt er von ganz oben. Als Bettine Brentano Zeichnungen an Goethe schickte, war dieser sehr angetan davon. „Das war wie ein Ritterschlag für ihn“, so Prof. Boehncke.

Der Witz und der Humor Grimms zeigen sich in zahlreichen Karikaturen, in denen sich „der reinste Wilhelm Busch offenbart“, so Prof. Boehncke. Sichtbar z.B. in der „Künstlerunterhaltung in München“ 1812 oder die Bildrolle „Kurze Lebensbeschreibung einer merkwürdigen und liebevollen Sau“ 1850. Letztere, auch Schweinerolle genannt, ist ausgerollt 8,5 Meter lang und „erscheint wie eine Art Comic“, so Hans Sarkowicz.

Im abschließenden, nicht zu vermeidenden Werbeblock wies Prof. Boehncke mit einem unterdrückten Lächeln darauf hin, dass das Buch „vor Ort in Wiesbadener Buchhandlungen erworben werden könne“.

Das Publikum dankte Prof. Boehncke und Hans Sarkowicz mit großem Applaus für den sehr unterhaltsamen, abwechslungsreichen und anregenden Abend.

Hans Sarkowicz und Prof. Boehncke beim Gespräch über Ludwig Grimm
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