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Literatur und Politik: Die neuen Frauen – Revolution im Kaiserreich 1900-1914

Dr. Barbara Beuys im Gespräch mit Mechthild Harting am 1. Dezember 2016 in der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung

Wiesbaden, 1. Dezember 2016 – Dr. Barbara Beuys, Historikerin und Journalistin, zeigte in einem moderierten Gespräch mit der FAZ-Redakteurin Mechthild Harting auf, was „Die neuen Frauen“ in der Zeit bis zum Ersten Weltkrieg für die Emanzipation der Frauen in Deutschland insgesamt geleistet haben. 

Mechthild Harting wies in einer kurzen Einführung auf die zahlreichen Biographien von Barbara Beuys über Frauen in der Geschichte hin, zuletzt erschien eine Biographie über Maria Sybilla Merian und fügte dazu an, dass „Barbara Beuys damit den Frauen eine Stimme gebe!“

Anhand von Biographien von Frauen beschreibt Barbara Beuys in ihrem Buch „Die neuen Frauen“ ganz eindrücklich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und „den Kampf der vorgestellten Frauen um Gleichberechtigung“. Mechthild Harting betonte weiter, dass diese „Erfolgsgeschichte der neuen Frauen in der Zeit bis 1914 eine Geschichte der Emanzipation sei“, deren „Wurzeln in der Mitte des 19. Jahrhunderts zu suchen seien“, wie Barbara Beuys hierzu ergänzte.

Helene Lange spielte hier eine maßgebliche Rolle und war „die einflussreichste Führerin der deutschen Frauenbewegung“ wie Barbara Beuys ausführte. Helene Lange konnte als Frau nur den Beruf als Lehrerin ausüben. Alles andere war für Frauen verboten. Beruf und Ehe standen für die Frauen im Widerspruch. Entweder waren die Frauen Ehefrauen und Mutter (ihr vorgesehener Beruf) oder sie waren nicht verheiratet und Lehrerin, was auf eine Minderheit zutraf. Allerdings durften die Frauen nur im Privaten lehren und nicht auf Gymnasien wie die Männer. Mit ihrer „Gelben Broschüre“ von 1887 forderte Helene Lange eine gleichberechtigte Ausbildung der Mädchen mit Zugang zu den Universitäten, was bis dato für Mädchen nicht möglich war. Bildung war für Helene Lange der Schlüssel zur Emanzipation der Frauen. Dabei wurde sie beispielsweise auch von Kronprinzessin Viktoria unterstützt, der Frau des späteren 99-Tage-Kaisers Friedrich III. Einen ersten Erfolg konnte Helene Lange 1893 mit der Zulassung eines Gymnasialkurses bei sich zu Hause erringen, der 1896 schließlich als quasi normaler gymnasialer Abschluss anerkannt wurde. Im März 1894 gründete sie zusammen mit weiteren Frauenrechtlerinnen den Bund Deutscher Frauenvereine (BDF) als Dachverband für die unterschiedlichen Frauenvereine, die in den Jahren zuvor in Deutschland entstanden waren.

Jürgen Kerwer, ständiger Vertreter des Direktors der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung begrüßt Dr. Barbara Beuys und Mechthild Harting
Mechthild Harting und Dr. Barbara Beuys im Gespräch

Eine weitere Frauenrechtlerin, die an diesem Abend vorgestellt wurde, war Clara Eißner. Als engagierte Lehrerin trat sie 1878 der SPD bei und stand damit als Sozialistin im gesellschaftlichen Abseits. Sie verließ das bürgerliche Umfeld, ging in die Schweiz und im Herbst 1882 weiter nach Paris, wo sie mehrere Jahre in ärmlichen Verhältnissen mit ihrem russischen Freund Ossip Zetkin lebte. Mit ihm gründete sie eine Familie, bekam zwei Kinder und trug fortan den Namen Zetkin, ohne verheiratet zu sein. Nach ihrer Rückkehr 1890 setzte sie sich als Sozialistin konsequent für den Klassenkampf ein. Eine Frauenbewegung war für sie nicht notwendig, denn diese war aus ihrer Sicht im Klassenkampf bereits impliziert. „Die Zetkin war selbst der SPD nicht ganz geheuer“, so Barbara Beuys dazu. Zwischen der Klassenkämpferin Clara Zetkin und den bürgerlichen Frauenrechtlerinnen gab es immer wieder lebhafte Auseinandersetzungen um den richtigen Weg. Beim Kampf für das Frauenwahlrecht 1905/1906 immerhin waren sich beide Seiten einig.

Henriette Fürth, eine weitere Frauenrechtlerin, die mit ihrem Mann und ihren acht Kindern in Frankfurt lebte, setzte sich für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein. 1897 wurde sie vom Frauenverein in Frankfurt zur Leiterin der neu gegründeten Rechtsstelle von Frauen für Frauen ernannt. Dort kümmerte sie sich um bürgerliche Frauen, die sich scheiden lassen wollten oder um Arbeiterinnen und ihren Problemen im Arbeitsumfeld. Sie forderte die Einführung von Kindergärten und Ganztagsschulen, damit Frauen ihren Beruf weiter ausüben konnten und warb in Vorträgen, Artikeln und Schriften für eine Sexualaufklärung von Jugendlichen. Gegenwind bekam Henriette Fürth beispielsweise von Marianne Weber, die für die „Mütterlichkeit in der Frauenbewegung“ stand und damit im Streit mit den emanzipierten Frauen lag. Diese Betonung der Mütterlichkeit „lebt bis heute in Deutschland fort und ist in dem Streit in der Zeit vor 1914 zu suchen“, wie Barbara Beuys anmerkte.

Frauen waren um 1900 ein beherrschendes Thema in der Öffentlichkeit. Die neuen Frauen nutzten dabei Zeitungen und Zeitschriften als Medium, um sich mit ihren Forderungen Gehör zu verschaffen. Frauen übten nun die verschiedensten Berufe aus, studierten an den Universitäten und emanzipierten sich Schritt für Schritt in der Gesellschaft. 

Mechthild Harting, die an diesem Abend mit Barbara Beuys noch weitere Frauen kurz beleuchtete wie beispielsweise Paula Modersohn-Becker oder zuletzt die Schauspielerin Asta Nielsen wies am Ende des Gesprächs auf die „hohe Qualität des Buches hin, das wunderbar zu lesen ist“. Barbara Beuys ergänzte, dass „das Buch aber nicht nur ein Buch über die Frauenbewegung, sondern auch über die Geschichte des Kaiserreiches ist“. Außerdem hob sie hervor, mit dem Mythos, der Erste Weltkrieg sei der Motor der Emanzipation gewesen, aufgeräumt zu haben. Tatsächlich sei es so gewesen, dass die Arbeitsquote der Frauen nach 1914 zurückging und sich die beruflichen Möglichkeiten für Frauen eher verschlechterten. Hinzu kam, dass mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges der Nationalismus in den europäischen Ländern die Frauenbewegungen zum Erliegen brachten und die zuvor errungenen Fortschritte wieder verlorengingen. „Erst in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde diese Frauenbewegung vor 1914, die so Vieles erreicht hatte, fortgesetzt“, resümierte Barbara Beuys.

Auf eine der Fragen aus dem Publikum, ob sie bei den heutigen jungen Frauen auch eine weniger emanzipatorische Tendenz sehen würde, antwortete Barbara Beuys, dass sie dies auch wahrnehme. In diesem Kontext fügte sie sogleich hinzu, dass Frauen in den Führungspositionen der Wirtschaft immer noch deutlich unterrepräsentiert seien. Hier müsse noch einiges passieren und bezog in diesem Punkt eindeutig Stellung: „Ich bin eine absolute Vertreterin der Quote.“

Dr. Barbara Beuys und Mechthild Harting antworten auf Fragen aus dem Publikum
Dr. Barbara Beuys im Gespräch mit dem Publikum

Das Buch von Dr. Barbara Beuys „Die neuen Frauen – Revolution im Kaiserreich 1900-1914“ ist im Hanser Verlag erschienen.