Hessische Landeszentrale für politische Bildung
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Literatur und Politik: Die Hessens. Geschichte einer europäischen Familie

Rainer von Hessen im Gespräch mit Dr. Andreas Hedwig am 8. September 2016 in der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung 

Wiesbaden, 8. September 2016 – Rainer von Hessen, Historiker, Regisseur und Vorstandsmitglied der Hessischen Hausstiftung, gab vor rund 100 Zuhörern im Gespräch mit Dr. Andreas Hedwig, Leiter des Hessischen Landesarchivs und Direktor des Hessischen Staatsarchivs in Marburg, einen sehr anregenden und spannenden Einblick in die 800-jährige Geschichte des Hauses Hessen. 

Nach einer kurzen Begrüßung durch den Direktor der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung, Dr. Bernd Heidenreich, gab Dr. Andreas Hedwig eine Einführung in das Buch „Die Hessens. Geschichte einer europäischen Familie“ von Rainer von Hessen.

Dr. Bernd Heidenreich, Direktor der Hessischen
Landeszentrale für politische Bildung

Die Leser „wandern in diesem Buch hin und her zwischen Bild und Text“ und werden „auf eine Reise mitgenommen“, die die Geschichte der landgräflichen Dynastie der Hessens vom 13. bis 20. Jahrhundert aufzeigt, „mit allen Höhen und Tiefen und ihren Verbindungen zu anderen europäischen Adels- und Herrscherhäusern“, wie Dr. Hedwig erläuterte. Dieses „landesgeschichtliche Lesebuch vermittele“,  so Dr. Hedwig weiter, „in seiner erzählenden Form eine Idee, was die landgräflichen Familien der Hessens seit dem Mittelalter mit ihrem Wirken für Hessen bedeutet und geleistet haben.“

Dr. Hedwig griff im weiteren Verlauf des Abends wichtige Momente der Geschichte der Hessens quasi als Stichwort auf, um Rainer von Hessen die Gelegenheit zu geben, detaillierter und ausführlicher darauf einzugehen.

Ausgangspunkt der Geschichte der hessischen Landgrafen ist Elisabeth von Thüringen, die als ungarische Königstochter mit 4 Jahren nach Thüringen kam. Mit 14 Jahren heiratete sie Landgraf Ludwig IV. Früh schon kümmerte sich Elisabeth im Sinne von Franz von Assisi um Kranke und Bedürftige und gründete das Franziskushospital in der Residenzstadt Marburg. Der Elisabethkult, der schon bald einsetzte und später zur Heiligsprechung führte, wurde besonders von Konrad von Marburg vorangetrieben, der Elisabeth als Mittel zum Zweck nutzte in seinem Kampf gegen die Ketzer. Bereits mit 24 Jahren „starb Elisabeth entkräftet bedingt auch durch die wachsenden Erwartungen und Belastungen“, wie Rainer von Hessen betonte. 

„Der Kreis der landgräflichen Geschichte schließt sich mit dem Tod von Elisabeth 1918 in Russland“, wie Rainer von Hessen weiter ausführte. Elisabeth, die Großfürst Sergej geheiratet hatte, war die Tochter von Großherzog Ludwig IV. und Alice von Großbritannien und Schwester der letzten Zarin Alix. Nach dem gewaltsamen Tod von Sergej 1905 trat sie in den von ihr gegründeten Martha-und-Maria-Orden in Moskau ein und widmete sich fortan bis zu ihrem Tod in Sibirien im Hospital der Pflege tuberkulose-kranker Frauen. In den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde sie schließlich heiliggesprochen wie Elisabeth von Thüringen.

Ein weiteres einschneidendes Ereignis in der landesgräflichen Geschichte war das Testament von Philipp dem Großmütigen im 16. Jahrhundert, das die Aufteilung des Landes auf vier Söhne  zur Folge hatte und „einen Bruch in der hessischen Geschichte darstellt“, so Rainer von Hessen. Aus dieser Aufteilung gingen die Linien Kassel, Marburg, Rheinfels und Darmstadt hervor. Allerdings überdauerten in der Folgezeit nur die Linien Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt.

Rainer von Hessen, Hessische Hausstiftung, Dr. Andreas Hedwig, Leiter des Hessischen Landesarchivs und Direktor des Hessischen Staatsarchivs Marburg

Bei der Erläuterung der Heiratspolitik der Kasseler Linie zeigte Rainer von Hessen die vielfältigen Verbindungen in andere europäischen Länder wie Dänemark, Niederlande oder England auf. Auch die Darmstädter Linie verband sich später im 19. Jahrhundert mit europäischen Herrscherhäusern u.a. mit dem englischen Königshaus und der Zarenfamilie in Russland.

Beim Stichwort „Verkauf hessischer Soldaten im 18. Jahrhundert nach England“ machte Rainer von Hessen deutlich, dass der Subsidienvertrag 1776 zwischen Landgraf Friedrich II. und König Georg III. von Großbritannien dem Land „zu einem sozialen und wirtschaftlichen Aufschwung verhalf“ und viel Geld in die Kassen spülte, u.a. wurden zahlreiche Dörfer und das Fridericianum gegründet.

Auch die schwierige Zeit nach dem Ersten Weltkrieg und die Zeit des Nationalsozialismus sparte Rainer von Hessen nicht aus. Die enge Anlehnung der Hessens an das nationalsozialistische Regime „hing auch“, so Rainer von Hessen, „mit dem einhergehenden Machtverlust seit dem 19. Jahrhundert und mit der Abdankung des Großherzogs 1918 zusammen.“ Von den Nationalsozialisten erhofften sie sich eine Aufwertung und einen Rückgewinn ihres Status. Allerdings erfüllte sich diese Hoffnung, spätestens mit der Internierung von Philipp ins KZ Flossenbürg und seiner Frau Mafalda nach Buchenwald, wo sie 1944 starb, nicht.

Rainer von Hessen, Hessische Hausstiftung,
beim Signieren

Nach den umfangreichen Ausführungen von Rainer von Hessen folgten noch einige Fragen aus dem Publikum, u.a. zum Kurfürstentum, zur Weimarer Zeit, zu Schloss Wolfsgarten, zur Nazizeit und zum Verkauf des Holbein-Bilds. 

Rainer von Hessen erläuterte bei seiner Antwort auf den Umgang mit den Nationalsozialisten wie „schwierig es in seiner Familie war, überhaupt darüber zu sprechen und sich damit auseinanderzusetzen.“

Beim Thema Wolfsgarten wies Rainer von Hessen auf die Probleme hin, die zur Aufrechterhaltung des Schlosses und seiner Park- und Gartenanlagen notwendig seien. Das jährlich zweimal stattfindende Gartenfest in Schloss Wolfsgarten und in Schloss Fasanerie sei dabei eine wichtige Einnahmenquelle.

Mit großem, lang anhaltendem Applaus wurden Dr. Andreas Hedwig und Rainer von Hessen anschließend verabschiedet.

Bei der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung kann hier der Band „Die Hessens. Geschichte einer europäischen Familie“ von Rainer von Hessen bestellt werden. 

Hier finden Sie die Veranstaltung zum Nachhören:

Hier können Sie sich die Audiodatei als MP3 herunterladen: