Hessische Landeszentrale für politische Bildung
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Literatur und Politik: Wer den Wind sät. Was westliche Politik im Orient anrichtet

Dr. Michael Lüders im Gespräch mit Claus-Jürgen Göpfert am 6. Oktober 2016 in der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung

Wiesbaden, 6. Oktober 2016 – Dr. Michael Lüders, Politologe, Orientalist und freier Publizist, gab in einem moderierten Gespräch vor weit über 100 Zuhörern mit Claus-Jürgen Göpfert, Frankfurter Rundschau, vor allem einen Einblick in seine Einschätzung zur momentanen Situation im Nahen Osten und der damit zusammenhängenden Verantwortung der westlichen Staaten. 

Claus-Jürgen Göpfert griff am Anfang das Thema Syrien auf, das dann dass zentrale Thema an diesem Abend blieb, und fragte Dr. Lüders auch aus seiner persönlichen Erfahrung heraus nach seiner Meinung dazu. Dr. Lüders, der in Damaskus studierte, sprach von einem „von außen hereingetragenen Krieg“ in Syrien. Die USA, die Türkei, die Golfstaaten und Saudi Arabien würden die Hauptverantwortung dafür tragen, was in Syrien derzeit und in den letzten Jahren geschehen sei. Dabei bemängelte er „die große Kluft zwischen der Medienberichterstattung und der wirklichen Situation vor Ort“. Am Beispiel von Aleppo zeigte er auf, dass meist nur vom östlichen Teil der Stadt und „seinem menschlichen Elend“, in der die Dschihadisten (hauptsächlich Nusra-Front und sogenannter Islamischer Staat) herrschten und weniger vom größeren, westlichen Teil der Stadt, der weitgehend friedlich von den Assad-Truppen gehalten wird, berichtet würde. Dr. Lüders gab dem Publikum dazu mit auf den Weg, dass man die offizielle Berichterstattung kritisch hinterfragen und sich selbst ein differenzierteres Bild von der Situation in Syrien machen sollte.

Dr. Michael Lüders und Claus-Jürgen Göpfert
im Gespräch

Bei einem kurzen Rückblick  auf die Geschichte Syriens nach dem Zweiten Weltkrieg erläuterte er die Entwicklung des Staates und die Machtverhältnisse. Die Alawiten, eine schiitische Sekte, die 10 Prozent der Gesamtbevölkerung stellt, haben seit 1946 die Macht im Lande. Die anderen Teile der Bevölkerung, u.a. 60 Prozent Sunniten und hier vor allem die bürgerliche Mitte, haben sich mit dem Assad-Regime schon vor geraumer Zeit arrangiert. Sie hatten und haben unter Assad ihre Freiheiten in wirtschaftlichen, religiösen und gesellschaftlichen Bereichen erhalten. Allerdings blieben sie vom politischen Machtbereich ausgeschlossen.

Bei der Frage von Claus-Jürgen Göpfert nach der Unterstützung in der Bevölkerung für die Opposition bzw. gegen Assad erklärte Dr. Lüders weiter, dass „sich hauptsächlich die sunnitische Unterschicht gegen Assad gestellt hätte“ und diese dann durch die Dschihadisten instrumentalisiert und dominiert wurden. Er betonte auch, dass es vor dem Krieg keine Dschihadisten in Syrien gab und diese erst nach Beginn des Protestes in Syrien u.a. von Irak und der Türkei aus ins Land kamen. „Eine gemäßigte Opposition gibt es nicht“, wie Dr. Lüders dazu im weiteren Gespräch ergänzte.

Von Claus-Jürgen Göpfert angesprochen, welche Gefahr vom Syrienkrieg auch für die weltpolitische Lage ausgehe, wies Dr. Lüders daraufhin, dass in Syrien ein „Stellvertreterkrieg zwischen den westlichen Staaten, den Golfstaaten und der Türkei einerseits und Russland und dem Iran andererseits stattfinde, der weiter eskalieren könnte“. Die Friedensgespräche würden dabei nur „den Unwillen zu einer friedlichen Lösung“ zum Ausdruck bringen. Den USA warf Dr. Lüders dabei „ein zynisches Spiel“ vor, denn diese hätten kein Interesse an einer Lösung und wollten „Russland den schwarzen Peter“ zuschieben. 

Dr. Michael Lüders signiert sein Buch

Den USA ginge es vor allem darum, so Dr. Lüders weiter, Assad zu stürzen und damit Russland und den Iran im Nahen Osten zu schwächen. Die Dschihadisten erhielten letztendlich vor allem von den USA und der Türkei Waffen, um gegen Assad zu kämpfen.

Hinsichtlich der wahrscheinlichen neuen US-Präsidentin, Hillary Clinton, zeichnete Dr. Lüders ein düsteres Bild für den weiteren Verlauf in Syrien. Denn „Clinton zähle zu den Falken in Washington“, die kein Interesse an einer Einigung mit Russland hätten und eher „die Machtprobe mit Putin“ suchten. 

Ein zweites Thema, das Claus-Jürgen Göpfert anschnitt, war die Innenpolitik. Dazu wollte er von Dr. Lüders wissen, wie er den zunehmenden Rechtspopulismus in Deutschland einschätzen würde. Dr. Lüders antwortete, dass sich dies vor allem auf die „sich verschärfenden sozialen Gegensätze“ zurückführen lasse. Die Flüchtlingsthematik komme hier noch hinzu, sei aber nicht die Ursache dafür. Er sieht für die Zukunft die Gefahr, dass sich einerseits Flüchtlinge, andererseits rechte Kräfte radikalisieren und sich gegenseitig bekämpfen könnten. 

Bei den regierenden und etablierten Parteien beklagte er ihre Politik, die „eine Verwaltung des Mangels“ darstelle und äußerte die Befürchtung, dass sich wahrscheinlich „erst durch eine größere Krise etwas ändern würde“.

Auf die Frage nach der Rolle der EU forderte Dr. Lüders, dass sich die europäischen Institutionen anders positionieren und wieder die Nähe zum Bürger suchen müssten, um die europäischen Probleme lösen zu können.

Bei der Frage über die Situation in Afghanistan holte Dr. Lüders in seiner Antwort weiter aus und prangerte an diesem Beispiel eine aus seiner Sicht seit Jahren falsche Politik des Westens im Nahen und Mittleren Osten an. Die Zerstörung staatlicher Strukturen wie beispielsweise im Irak oder in Afghanistan führte zu einer Destabilisierung der Länder, die auf absehbare Zeit andauern wird. Der Glaube, man könne die westliche Zivilgesellschaft in einem von Familienclans beherrschten Land und einer religiös geprägten Gesellschaft durchsetzen, sei falsch und „ginge an der Lebensrealität in Afghanistan völlig vorbei“, so Dr. Lüders. 

Die Rolle der Bundeswehr im Nahen Osten sehe er so, dass „man dabei ist, aber für eine militärische Präsenz eigentlich keine Notwendigkeit besteht.“

Unter dem Eindruck des doch sehr pessimistischen Bildes, das Dr. Lüders im Laufe des Gesprächs vermittelte, wurde zum Schluss nach einem „Best-Case-Szenario“ im Falle Syriens aus dem Publikum gefragt. Dr. Lüders meinte dazu aber eher nüchtern, nur „wenn die Verantwortlichen in den USA und Russland erkennen würden, dass der Konflikt sinnlos sei, wäre ein Frieden möglich“.

Das Buch von Dr. Michael Lüders „Wer den Wind sät. Was westliche Politik im Orient anrichtet“ ist im C. H. Beck Verlag erschienen. 

Blick ins Publikum
Dr. Michael Lüders beantwortet Fragen aus
dem Publikum

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