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In der Reihe „Literatur & Politik“: Manfred Ladwig (SWR) im Gespräch mit Prof. Dr. Michael von Hauff (TU Kaiserslautern) über die Kontroverse um nachhaltiges Wachstum
am 3. Dezember 2015 in der HLZ

Wiesbaden, 3. Dezember 2015 - Vor zahlreichen Zuhörern versuchte Manfred Ladwig, Fernsehredakteur in der Umweltredaktion des SWR, gemeinsam mit Professor Dr. Michael von Hauff, Lehrstuhlinhaber für Volkswirtschaftslehre an der TU Kaiserslautern, das Spannungsfeld zwischen neoklassischem Wachstum und nachhaltigem Wachstum auszuloten.

Manfred Ladwig im Gespräch mit Professor Michael von Hauff

Die Antwort von Professor Hauff auf die einleitende Frage von Manfred Ladwig, wie denn das Thema „Nachhaltiges Wachstum“ bei Politik und Wirtschaft ankomme, spiegelt die momentane Situation in Deutschland wider: „Es fehlt noch der richtige Widerhall.“ Die neoklassischen Wachstumsvorstellungen beherrschen weiterhin die Handlungsfelder.  Es geht um den Erhalt und Ausbau von Arbeitsplätzen (Ziel: Vollbeschäftigung), um die Absicherung der sozialen Sicherungssysteme, um die Erhöhung des Wohlstands allgemein, um Gewinnmaximierung usw., was aus Sicht der Wachstumsbefürworter nur durch kontinuierliches Wachstum im klassischen Sinne möglich sei, so Professor Hauff weiter. Dem stehen die Wachstumsgegner gegenüber, die die Frage stellen, wozu wir Wachstum überhaupt brauchen und die auf die negativen Effekte des Wachstums wie Umweltzerstörung oder Rohstoff- und Ressourcenabbau hinweisen und z.T. für ein Nullwachstum (Prof. Dr. Angelika Zahrnt) plädieren.
Manfred Ladwig hakte im Laufe des Gesprächs mehrfach nach, „welche Wege denn zu einem nachhaltigen Wachstum führen könnten?“ Professor Hauff führte in seinen Antworten im Laufe des Abends verschiedene Bereiche auf, in denen „Schritt für Schritt und langfristig“ eine Veränderung zu einem nachhaltigen Wachstum erreicht werden könnten.
Ein wesentliches Problem bei der Diskussion um Wachstum seien die Indikatoren als Bezugsgröße zwischen Wirtschaftswachstum, Umwelt und Nachhaltigkeit. Hier sieht Professor Hauff vor allem beim Indikator „Bruttoinlandsprodukt“ eine falsche Berechnungsgrundlage, der dem Wirtschaftswachstum nütze, aber beispielsweise die Umweltbelastungen oder den Abbau von Ressourcen und Rohstoffen nicht berücksichtige. Die Ablösung des BIP durch andere Indikatoren wie Umwelt- und Nachhaltigkeitsindikatoren sei aus seiner Sicht zwingend notwendig, um einen neuen Weg hin zu nachhaltigem Wachstum zu beschreiten.

Das Publikum in Erwartung der Gesprächsrunde
Nach dem Gespräch Prof. Hauff beim Signieren

Ein weiteres Problem stellt für Professor Hauff der Lobbyismus dar. Als Beispiel nannte er die rund 2000 registrierten Lobbyisten in Berlin (plus weitere 5000 nichtregistrierte), die regelmäßig mit den Abgeordneten des Bundestags im Austausch sind, um die Interessen der Wirtschaft nachdrücklich zu vertreten und deren „ideologische Haltungen sich vor sachliche Diskussionen schieben“.
Auch die Frage nach einer gerechten Verteilung der Einkommen spielt bei den Wachstumsdiskussionen eine wichtige Rolle. Eine zunehmende Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen könne, laut einiger Untersuchungen, zu wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Instabilität führen, betonte Professor Hauff dazu weiter.
Neben der Produktions- und Einkommenssituation sei aber auch der Konsument in der Wachstumsthematik gefragt, über sein alltägliches Konsumieren nachzudenken. „Rund 50 Prozent der Lebensmittel und der Medikamente würden beispielsweise weggeschmissen“, stellte Professor Hauff fest. Durch eine Veränderung des Konsums könnte ein wichtiger Beitrag zu einem nachhaltigen Wachstum geleistet werden.Nach der komplexen Gesprächsrunde, in der auch immer wieder Wachstumstheoretiker wie Tim Jackson, Thomas Piketty oder Herman Edward Daly angeführt und zitiert wurden, folgten aus dem Publikum Fragen beispielsweise nach der Rolle des Staates in diesem Zusammenhang. „Die Durchsetzungsfähigkeit der Politik sei hier gefragt“, so Professor Hauff. Allerdings stünden dem „ideologische Wälle“ entgegen oder es „fehle an politischer Kraft“. Der fehlende Leidensdruck in Deutschland, so eine Feststellung aus dem Publikum, unterstützt diese Haltung noch dazu, wie Professor Hauff ergänzend anmerkte.
Auf die Frage von Manfred Ladwig zum Abschluss „wie denn ein tragfähiges System aussehen könnte“, plädierte Professor Hauff für einen „Mittelweg“. Wachstum sei dabei nicht ausgeschlossen. Es gäbe Bereiche wie z.B. Altenpflege, Gesundheitswesen oder ökologischer Landbau, bei denen Wachstum wünschenswert sei. Andererseits müssten seiner Meinung nach die Automobil- und Energiebranche von der Politik stärker reglementiert und mehr Beiträge zu einer Reduzierung der Emissionen leisten. In der Verkehrspolitik fehle noch die richtige Strategie.
Eine ausführliche Beschreibung der Diskussionen und Theorien um das Themenfeld „Nachhaltiges Wachstum“ sind von Professor Dr. Michael von Hauff in dem Band „Wachstum – Die Kontroverse um nachhaltiges Wachstum“, erschienen in der Reihe „forum hlz“, festgehalten.

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