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60 Jahre documenta in Kassel: Eine Erfolgsgeschichte im Rück- und Ausblick

Hans Sarkowicz (hr2) im Gespräch mit dem Kunstkritiker und publizistischen Begleiter der documenta, Dirk Schwarze, in der HLZ am 1. Oktober 2015.

Wiesbaden, 1. Oktober 2015 – Dirk Schwarze, der seit 1972 die documenta als Kunstkritiker und als Publizist hautnah begleitet und erlebt, erläuterte vor einem aufmerksamen Publikum die Entstehung und die Entwicklung der documenta von der ersten Ausstellung 1955 bis zu einem Ausblick auf die kommende Ausstellung in Kassel und Athen 2017. Moderiert wurde das Gespräch von Hans Sarkowicz, Leiter des Ressorts Kultur, Bildung und künstlerisches Wort beim Hessischen Rundfunk.

Begrüßung durch den Direktor der HLZ,
Dr. Bernd Heidenreich, und den ständigen
Vertreter des Direktor, Jürgen Kerwer
Hans Sarkowicz und Dirk Schwarze im
Gespräch

Schlüsselfigur und Gründungsvater der documenta war Arnold Bode, Maler, Raumgestalter und seit 1947 Kunstprofessor an der Akademie in Kassel. Bode verfolgte nach dem Zweiten Weltkrieg das Ziel, wie Dirk Schwarze in seinen Erläuterungen betonte, „eine Kunstausstellung in Kassel zu schaffen, die die Kunst der Moderne in einen Dialog mit der Nachkriegskunst setzen sollte.“ Damit wollte er auch an die (seine) Kunstausstellungsaktivitäten der 20er Jahre in Kassel anknüpfen. Nach vergeblichen Versuchen, bot sich mit der für 1955 in Kassel geplanten Bundesgartenschau eine Möglichkeit, dies zu realisieren. Bodes Akademiekollege, der Garten- und Landschaftsgestalter Hermann Mattern, hatte die Idee geäußert, die Gartenschau mit einer Kunstausstellung zu verbinden. Damit hatte Bode eine Plattform gefunden, seine Ideen umzusetzen.

Bode zeigte nicht nur Kunstwerke, die zwischen 1933 und 1945 in Deutschland verboten waren (was fälschlicherweise im Zusammenhang mit der documenta 1 lange Zeit betont wurde), sondern auch „die Gegenwartskunst, die Kunst nach 1945, die 40 % der Ausstellungsexponate ausmachte,“ so Dirk Schwarze.

Im Mittelpunkt der Ausstellungsgebäude stand von Anfang an das Fridericianum, in dem bis in die 40er Jahre die Hessische Landesbibliothek ihre Bestände hatte, durch den Krieg aber stark zerstört wurde und dann als Ruine für Ausstellungsaktionen im Rahmen der documenta genutzt wurde. Bode inszenierte dort und an anderen Stellen der Stadt die ausgestellten Kunstwerke ganz neu mit Hilfe von Plastikvorhängen, durch weiße Vorhänge oder durch Eisengestelle als Präsentationsflächen vor den feuchten Wänden des Fridericianums. „Für heutige Museumsleute eine Horrorvorstellung“, wie Hans Sarkowicz zu den Zuständen und dem Umgang mit den Kunstwerken damals anmerkte.

Bode entwickelte die documenta 1959, gemeinsam mit Werner Haftmann, der als Cheftheoretiker an seiner Seite die ersten drei documenta-Ausstellungen maßgeblich mitprägte, weiter, in dem er grafische Arbeiten, Plastiken und Skulpturen und die Kunst aus Nordamerika mit einband. Bode erwies sich dabei „als Meister der Inszenierung, gerade auch im Umgang mit Plastiken und Skulpturen“, wie Dirk Schwarze hervorhob.

Die documenta 4 (1968) stand unter dem Eindruck der Protestbewegungen. Bode bemühte sich zu betonen, dass die documenta nicht zum Establishment gehöre („was sie aber letztendlich doch tat“, so Hans Sarkowicz). Christo sorgte mit seiner Aktion in der Karlsaue – er ließ einen wurstartigen, 85 Meter langen Ballon (5600 Kubikmeter Paket) aufrichten – für Aufsehen und war damit Teil der Environments und Aktionen im öffentlichen Raum, die hier zum ersten Mal zum Tragen kamen.

Die documenta 5 (1972) bedeutete einerseits das Ende der künstlerischen Leitung und der maßgeblichen Prägung durch Arnold Bode. Andererseits war sie „ein Neubeginn in der documenta-Geschichte und auch ein Generationenwechsel“ wie Dirk Schwarze unterstrich. Die künstlerische Leitung übernahm der 30 Jahre jüngere Schweizer Ausstellungsmacher Harald Szeemann. Sein Ansatz, Bildwelten in allen Formen der Bildgestaltung zusammenzubringen und in einen Dialog zu setzen, war völlig neu und bahnbrechend. Zu sehen waren neben künstlerischen Bildern auch Kunstwerke von geistig Behinderten, Motive aus der Werbung und politischen Propaganda, utopisches Design und Fotografien, die zum ersten Mal als Kunstobjekte ausgestellt wurden.

Das aufmerksame Publikum in der HLZ
Dirk Schwarze signiert seine documenta-Broschüre

Mit Blick auf die fortgeschrittene Zeit konnten die documenta-Ausstellungen bis 2012 nur noch kurz im Gespräch der beiden Kunstkenner angeschnitten werden. Die Künstler hinterließen jedenfalls immer wieder Spuren in der Stadt, wie Walter de Maria mit seinem Bohrturm (documenta 6, 1977) oder Jonathan Borofsky mit „Man Walking to the Sky“ (documenta 9, 1992).

Auf die Frage aus dem Publikum, ob es zu Kassel als Veranstaltungsort der documenta nicht auch Alternativen gab, verwies Dirk Schwarze auf eine Androhung von Arnold Bode im Vorfeld der documenta 2, als dieser – wohl aber nicht ganz ernstmeinend – Amsterdam als anderen Ausstellungsort ins Spiel brachte. Spannend wird es aber allemal bei der documenta 2017, da Athen als Partner- und Ausstellungsort neben Kassel dabei sein wird, „auch wenn er selbst noch nicht weiß, was da alles auf uns zukommt.“

Bei der Schlussfrage von Hans Sarkowicz, was denn sein Lieblingskunstwerk der documenta sei, musste Dirk Schwarze nicht lange überlegen: „Die 7000 Basaltstelen von Joseph Beuys, die die Stadt Kassel so nachhaltig verändert und beeinflusst haben.“

Von Dirk Schwarze ist in der Reihe „Blickpunkt Hessen“ Nr. 19/2015 der Titel „Die Karriere einer Ausstellung. 60 Jahre documenta“ erschienen. Die Ausgabe kann bei der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung bestellt werden.

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Dieses Thema wird von Referat 2/V bearbeitet.