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Was geschah 1944?

Die Bergregion am Monte SoleDie Bergregion am Monte Sole

Im Winter 1943/44 wird in der Gegend um den Monte Sole eine Partisanengruppe aufgebaut ("Brigade Stella Rossa"). Im September 1944 kommen die Alliierten bis auf wenige Kilometer Luftlinie an den Monte Sole heran. Um der bei einem amerikanischen Durchbruch drohenden Verbindung mit den Partisanen zuvorzukommen, befiehlt der Kommandeur der 16. SS-Panzergrenadier-Division, Generalleutnant Simon, die Vernichtung der Stella Rossa. Mit der Durchführung des Unternehmens wird Major Walter Reder beauftragt. Er wurde bereits mit dem Ritterkreuz zum Eisernen Kreuz ausgezeichnet und ist erst 29 Jahre alt.

Am 29. September 1944 greift ein gemischter Verband aus SS und Einheiten der Wehrmacht an, um die Widerstandsgruppe zu vernichten. Drei Wochen zuvor hatten italienische Partisanen, die der Widerstandsgruppe angehörten, eine Unterkunft deutscher Soldaten überfallen. Ihr Kommandant fällt in den Morgenstunden des 29. September und um 17 Uhr dieses Tags sind die Partisanen bereits handlungsunfähig und fliehen. Das schnelle Aufspüren der Partisanen wäre ohne die Mithilfe der italienischen Faschisten für die deutschen Soldaten nicht möglich gewesen.

Doch die schlimmsten Tage sollten der Bevölkerung noch bevorstehen! Bereits am 12. August wurde der Ortsteil Sannt`Anna Ort eines der grässlichsten Massaker, 560 Menschen wurden bestialisch umgebracht, 800 Männer zur Zwangsarbeit verschleppt. Nun ermorden die deutschen Verbände die Einwohner in den Dörfern und Weilern um den Monte Sole auf grausame Weise, sie sprengen Häuser, Schulen, Kirchen und Friedhöfe, verwandeln die Landschaft in eine Wüste.

Unter anderem werden die Einwohner von Cadotto kurzerhand alle zu Partisanen erklärt, verbrannt und erschossen, nur die fünfzehnjährige Lidia Pirini überlebt schwerverletzt (siehe Zeitzeugenbericht rechts).

In der Nähe von Caprara findet man die Leichen von drei Mädchen, mit Stricken, um die Leichname aufrecht zu halten, an drei Kastanienbäume gebunden, die Röcke hochgeschlagen und jedem Mädchen lange Stecken zwischen die Schenkel getrieben. In Poggio di Casaglia stößt man auf einen drei oder vier Jahre alten Jungen, der mit dem Gesäß auf einen Pfahl gespießt wurde, zwischen Caprara und Villa Ignano, auf die ähnlich sadistisch zugerichteten Leichen zweier hochschwangerer Frauen, deren Leiber und die ihrer ungeborenen Babys aufgeschlitzt wurden. Am 6. Oktober 1944 hat das große Morden endlich ein Ende, haben die Deutschen ihr Ziel erreicht: Auf dem Gebirgsstock gibt es kein Leben mehr.

Was in den Herbsttagen 1944 in den Weilern und Dörfern am Acrocoro, in den Gemeinden von Marzabotto an Grausamkeiten verübt wird, übersteigt alles, was bisher auf diesem Kriegsschauplatz geschehen ist. Deutsche Soldaten betreiben Menschenjagd auf den Straßen und Wegen, verstümmeln Frauen auf grässlichste Weise, schießen Kinder wie Spatzen ab oder werfen sie ins Feuer. Sie tun dies unter dem Kommando des Majors Reder, der später vor einem italienischen Militärgericht aussagen wird, er habe nichts damit zu tun gehabt, sei nicht dabei gewesen, habe die Gemeinde Marzabotto nicht betreten, vielmehr das Unternehmen von seinem Gefechtsstand aus geleitet, vierzig Kilometer vom Ort des Geschehens entfernt.

GedenktafelnGedenktafeln

Die genaue Zahl der Opfer ist bis heute nicht bekannt. Nach Berechnungen des Komitees für die Ehrung der Gefallenen von Marzabotto beträgt die Zahl der vom 29. September bis 5. Oktober 1944 getöteten Menschen 776. Insgesamt wurden im Sommer und Herbst 1944 in Grizzana, Monzuno und Marzabotto 960 Menschen ermordet, darunter allein 216 Kinder. Das jüngste Opfer war 20 Tage alt. Bei den Vergeltungsmaßnahmen wurden in der Amtsgemeinde Marzabotto zerstört: 15 Straßen, 7 Brücken, 4 Gleisübergänge, 5 Schulgebäude, 2 Verwaltungsgebäude, 11 Friedhöfe, 9 Kirchen, 5 Oratorien, mehr als 800 Wohnungen, Weinberge, Äcker und Wälder wurden verwüstet. Im Zwischenbericht über die "Bandenbekämpfung" muß Generalleutnant Simon allerdings einräumen, sie habe kaum oder nur geringe Erfolge gebracht.

Nur zwei Kommandeure der für die Morde verantwortlichen SS-Division werden zur Rechenschaft gezogen. General Max Simon wird in Padua zum Tode verurteilt, aber bereits 1954 begnadigt. Der Leiter der Strafaktion, SS-Sturmbannführer Walter Reder, wird 1951 in Bologna zu lebenslanger Haft verurteilt.
Im Jahr 1962 schreibt Reder an die Bürger von Marzabotto und bittet diese, seine vor allem aus Deutschland unter Mitwirkung zahlreicher Bundestagsabgeordneter betriebene Begnadigung zu unterstützen. Der italienische Staatspräsident gibt zur selben Zeit das Gnadengesuch an die Gemeinde Marzabotto weiter, die Bürger sollen entscheiden. Beim Referendum stimmen 356 von 360 Bürgern mit "no" - keine Unterstützung des Gnadengesuchs. Reder wird schließlich im Januar 1985 begnadigt. Er stirbt am 26. April 1991.

Auf dem Gipfel des Monte Sole erinnert ein Gedenkstein an die rund 420 Partisanen der Brigade "Stella Rossa" und ihren Kommandanten Mario Musolesi, genannt "il lupo". In Marzabotto wurde 1961 eine Gedächtniskirche eingeweiht. In ihrer Krypta sind 771 Opfer bestattet. Die Inschrift auf der Tafel am Eingang lautet: "Von den 771 Unschuldigen, bis jetzt hier begrabenen Opfern des Massakers und anderer Kriegsursachen sind: 315 Frauen, 189 Kinder unter 12 Jahren, 30 Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren, 161 Männer zwischen 18 und 60 Jahren, 76 alte Menschen über 60 Jahre".

Marzabotto 1944

Der Gemeindebezirk Marzabotto erstreckt sich großenteils über ein bis 1000 Meter ansteigendes Gebirgsmassiv im nördlichen Apennin, etwa 25 Kilometer südlich von Bologna. Neben den beiden Hauptorten Marzabotto und Grizzana gehören zu beiden Ämtern eine Anzahl Weiler, einzeln gelegene Gehöfte und abgelegene kleine Ansiedlungen. In Marzabotto gibt es eine kleine Papierfabrik, eine Werkstatt für landwirtschaftliche Maschinen und eine Reismühle.

Jugendliche an einer Gedenkstätte

Zeitzeugenbericht

Nur wenigen Menschen gelang es, dem Massaker zu entkommen, so Lidia Pirini aus Cerpiano: "Es war der 29. September um neun Uhr morgens. Als ich vom Herannahen der Deutschen erfuhr, flüchtete ich nach Casaglia. Ich habe meine Familie verlassen und war nicht bei ihr, als sie ermordet wurde. Es waren meine Mutter und meine 12-jährige Schwester, acht Cousins und vier Tanten, die alle am 29. und 30. September in Cerpiano ermordet wurden. Am 29. haben sie sie verletzt. Am 30. kamen die Nazis zurück, um sie umzubringen. In Casaglia hörten wir die Schüsse der Deutschen immer näher kommen. Wir konnten den Rauch der in Brand gesetzten Häuser sehen. Niemand wusste wohin und was machen. Letztendlich haben wir uns in die Kirche geflüchtet. Als die Nazis dorthin kamen, hatte ich Angst, ihnen ins Gesicht zu sehen. Sie schlossen das Kirchentor und alle im Inneren schrien vor Entsetzen. Wenig später kamen sie zurück und führten uns zum Friedhof. Wir mussten uns vor der Kapelle aufstellen; sie platzierten sich in der Hocke, um gut zielen zu können. Sie schossen mit Maschinenpistolen und Gewehren. Ich wurde von einem Maschinengewehr am rechten Oberschenkel getroffen und fiel ohnmächtig zu Boden."

Zuständiges Referat

Dieses Thema wird von Referat 1/Direktor bearbeitet.